Leipzig, Karl-Heine-Strasse


Leipzig, Karl-Heine-Str. 74: Die Eingangtür zu der Ferienwohnung, die wir übers Wochenende gemietet hatten. Eine Wochenend-Städte-Reise in eine bislang unbekannte Stadt.

Nicht nur dieses Haus in der Karl-Heine-Strasse ist intensiv besprüht und beschmiert worden, eigentlich alle. Dabei ist das Haus nicht etwa herunter gekommen. Im Gegenteil, es ist vor nicht langer Zeit gründlich renoviert und außen wie innen unter Wahrung der alten Substanz modernisiert worden. Ist auch kein billiges Viertel. Hier wohnen die Bioladen-Käufer und Besucher italienischer oder veganer Restaurants. Sind da Vandalen in die Karl-Heinrich-Strasse eingefallen oder finden die Bewohner das „stylisch“, schick oder wie auch immer?

Was mir durch den Kopf ging: Da markiert offenbar eine bestimmte Gesellschaftsschicht ihr Territorium: Diese Strasse gehört uns und hier haben wir zu sagen! Und da, wo wir zu sagen haben, da gilt unser Recht und nicht das alberne Strafgesetzbuch, das Graffitti grundsätzlich unter Sachbeschädigung subsumiert:

(§ 303 Sachbeschädigung. (1) Wer rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert.)

 

 

 

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Büchersuche (G. Flaubert, D. H. Lawrence und K. Gier)

Ferienzeit, Lesezeit: Draußen bimmeln die Kühe, das Heu duftet, der Liegestuhl lockt, da fehlt nur ein gutes Buch.

Und was gibt das Bücherregal des Ferienhauses her? Flaubert, „November“. Nie gehört, aber „Madame Bovary“ habe ich gerne gelesen, warum also nicht Flauberts Erstling? Junger Mann verfällt einer Prostituierten, stand im Umschlag. Na dann. Aber während der ersten 50 Seiten taucht keine Prostituierte auf, stattdessen geschieht im Grunde gar nichts. Nur dass die Welt ganz schlecht ist und dass der junge Held ganz fürchterlich darunter leidet, erfahren wir. Metaphernselig und tief im Dunkeln sich suhlend – dagegen ist Goethes „Werther“ ja geradezu heiter. Auf Seite 60 habe ich aufgehört.

Statt dessen: Drei Erzählungen von D. H. Lawrence in einer zweisprachigen Ausgabe. Könnte was sein, die Geschichte mit dem Seitensprung der bekannten Lady war ja auch nicht schlecht. Gut, ich habe brav bis zum Ende gelesen, Begeisterung stellte sich nicht ein. Auch hier weiß der Leser schon zu bald, dass die drei Beziehungsgeschichten nur tragisch enden können. Ist dann spannend, zu sehen, wie tragisch. Eine der drei Geschichten macht eher den Eindruck, eine Vorarbeit für einen Roman zu sein, auch bei der anderen, längsten des Bandes („England, mein England“) skizziert der Autor mehr den Lebenslauf des Paares wie ein Therapeut, der sich die wichtigsten Stationen notiert, als dass er detailliert erzählen würde. Wieder geht die Beziehung Stufe um Stufe den Berg hinab, aber, um das Ende zu verraten, sie bringen sich nicht um, sondern der Held fällt im Krieg einer Granate zum Opfer – und ausgerechnet diese Szene beschreibt D.H. Lawrence in allen Einzelheiten. Durchaus unerfreulich, hätte meine Mutter gesagt.

Dann lag da noch ein dritter Band im Regal: Kerstin Gier, „Silber“. Spiegel Bestseller.

Nun lese ich eigentlich grundsätzlich keine Bestseller, von einer Kerstin Gier hatte ich noch nie was gehört. Aber wenn nichts anderes da ist …
Nun, ein grottenschlechter Roman für 13jährige Mädchen. Grottenschlecht, aber mit dem Lesen aufhören konnte ich dann doch nicht.
Ich hatte so den Einruck, dass die Autorin den Roman gar nicht selbst geschrieben hat, sondern ein Team, das in einer Art Brainstorming überlegt hat, welche Zutaten man braucht, um für die Zielgruppe der pubertierenden Mädchen eine Geschichte zu schreiben. Ist ja kein Fehler, aber dazu hat man all die Zutaten genommen, die man schon aus Hunderten von Filmen und Romanen kennt: Das Mädchen mit der hässlichen Brille, die am Ende auf Kontaktlinsen umsteigt, Dämonenbeschwörung auf dem Friedhof, eine Gang von wundertollen reichen Jungs im rechten Alter, eine karrieresüchtige Mutter, die ihr Kind nicht versteht, der geschiedenen Vater, der keine Zeit für die Kinder hat; eine vornehme Traditionsschule im feinsten London. Alles mit zeitgenössischen Ingredienzien wie iPhones und iPads (nur diese Marke, kennt die Autorin keine anderen oder hat Apple gesponsert?), einem Blog und irgendwelchen aktuellen Heldinnen der Pop-Kultur abgeschmeckt.
Aber: Die zweite Hälfte habe ich auf dem Flughafen und beim Flug gelesen. Als das Flugzeug auf der Landebahn aufgesetzt hat, bin ich total erschrocken, denn ich hatte vor lauter Lesen nicht mitbekommen, dass wir schon bei der Landung waren. Das wäre mir bei G. Flaubert oder D. H. Lawrence nicht passiert.

Meine Rede

Irgendwann im Juni kam der Vertrag über eine Ausstellung im Kulturwerk Aachen. Da stand in einem der gar nicht so wenigen Paragrafen, dass der Redner für die Rede zur Vernissage 180 € vom Kulturwerk bekäme. Nicht schlecht, meinte die Fotografin, die Rede könne ja ich halten, dann springe wenigstens auch für mich was rum.

Bald fingen die Gedanken an zu sprudeln und ich tippte 4 Seiten auf dem iPad. Nur der Schluss fehlte noch, kein Problem, dachte ich. Dann kam die Fotografin und meinte, in der Eröffnungsrede müssten unbedingt die Archetypen C.G. Jungs vorkommen. So ein Ärger, wie sollte ich den unterbringen? Und außerdem: Ich habe zwar mal die Schriften C.G. Jungs über Paracelsus herausgegeben und mit einem Vorwort versehen (das Vorwort hat den Erben C.G. Jungs nicht gefallen und die gesamte schon gedruckte Auflage musste eingestampft werden …), aber Archetypen kamen da nicht vor, davon hatte ich keine Ahnung.

Also habe ich das Redemanuskript erst einmal beiseite gelegt und da blieb es liegen und blieb es liegen. 10 Tage vorher blieb mir nicht anderes übrig, ich habe mich wieder drangesetzt. Ein paar Sachen über die Archetypenlehre gelesen, ein paar Notizen gemacht, irgendwann bei der Gartenarbeit kam mir dann die Idee, wie ich das einbauen könnte. Nur der Schluss fehlte immer noch.

Die Ausstellung wurde aufgebaut. In dem Raum wurden mir zwei Sachen klar: Erstens, dass ich dort vor Publikum reden müsste, und zwar mit Mikrophon, und zweitens, dass jetzt ein Schluss her musste. Ich wurde immer aufgeregter, zweifelte jetzt an der gesamten Rede, ging das ganze noch einmal durch, aber vor Aufregung konnte ich mich nicht so recht konzentrieren, vor allem: Die Gedanken sprudelten nicht, sie tröpfelten nicht einmal.

Noch ein Versuch, am letzten Tag. Schon besser, der Schluss war nun zwar etwas kurz, aber brauchbar. Danach hätte ich ruhig einschlafen können. Hätte, aber nun stieg das Lampenfieber. So ein Unsinn, versuchte ich mir zu sagen, schließlich habe ich als Lehrer 25 Jahre täglich vor einem Publikum geredet. Aber wie das so ist: Gefühl und Ratio sind zwei paar Schuhe, die Aufregung wich nicht. Am Tag X habe ich da was rumgebastelt, dort was aufgeräumt, hatte keinen besonderen Hunger, nicht mal auf den Apfelkuchen aus Äpfeln aus dem eigenen Garten. Eigentlich wollt ich die Rede vorher noch mal proben, eigentlich, aber das habe ich so lange rausgeschoben, bis es zu spät war. Wird schon klappen, wird schon klappen, sagte ich mir. Daneben fiel mir meine Mutter ein, die manchmal vor dem Verein, den sie leitete, Ansprachen halten musste, und vorher grundsätzlich nicht schlafen konnte oder Magenschmerzen bekam oder beides. So weit bin ich also jetzt auch, dachte ich, was meine Stimmung nicht besserte.

Vielleicht kommt keiner – dann brauche ich nicht zu reden. Oder nur 3 oder 4, dann brauche ich wenigstens nicht ins Mikrofon zu sprechen. Aber leider, leider, als ich wegen eines Staus recht spät ankam, waren schon Leute da, gut 20 nur, aber halt doch mehr als keiner.

Hat dann ganz gut geklappt, nur die mangelnde Probe hat sich bemerkbar gemacht. Danach kam sofort der Hunger zurück und ich war der erste, der sich am Buffet bedient hat.