Der Roboter robotet

Quelle: iRobot/Wikipedia

Das Weihnachtsfamilientreffen ist vorbei, war auch alles ganz harmonisch-gemütlich; an der Organisation muss noch gearbeitet werden, aber vielleicht interessiert es auch niemanden wirklich, dass drei verschiedene Sorten Untertassen und drei nicht zueinander passende Tischdecken auf dem Tisch waren – aber wann sind schon mal 14 Personen da?

Was ich bemerkenswert fand: In 2 Haushalten robotet jetzt ein Staubsaugerroboter. Die Frage, warum man trotz einer Putzfrau einen Roboter braucht, habe ich mir verkniffen, auch die Bemerkung, dass der gute alte Haushaltsbesen entschieden ökonomischer und ökologischer ist.

Neumodisches Zeugs, habe ich gedacht. Aber, wenn ich so überlege: Was habe ich nicht alles schon zuerst als neumodisches Zeugs betitelt und nutze es jetzt wie selbstverständlich. Handys, Akku-Bohrer, Bluetooth-Lautsprecher … die Liste ließe sich fortsetzen.

Aber ein Staubsaugerroboter, der da unermüdlich durch die Wohnung kriecht? Der Hund wird sich daran gewöhnen, der hat auch verkraftet, dass der Rasenmäher ihn von seinen Lieblingsplätzen vertreibt. Wird bald jeder einen Staubsaugerroboter haben? Also auch ich? Eher nicht, denke ich, immerhin verweigere ich auch tapfer die Anschaffung einer Spülmaschine, einer Mikrowelle, eines Thermomix oder einer sonstigen Küchenmaschine, einer Kaffeekapselmaschine oder eines Kaffeevollautomaten, eines Wäschetrockners, eines Umluftbackofens und eines Induktionsherdes, auch Alexa steht nicht auf dem Tisch und wartet auf meine Befehle ….

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No Politics, No Religion

Weihnachten naht, das Familientreffen naht und allerlei Geplaudere bei Kaffee und Kuchen. Und damit das Geplaudere nicht in Streit ausartet, nicht die Stimmung unter dem tapfer leuchtenden Weihnachtsbaum stört, halten wir uns doch an die goldene Regel der Briten für einen entspannten Smalltalk: No politics, no religion. Als ob das so einfach wäre, heutzutage!

Mein Vater riet mir, als ich 15 Jahre alt war und zu meinem Entsetzen erfuhr, dass ich bei einer Hochzeit als Tischdame eine gleichaltrige und mir völlig unbekannte angeheiratete Cousine zugewiesen bekommen hatte, das Thema Reisen anzuschlagen, um das Gespräch in Gang zu bringen. Prima, hat damals auch funktioniert, aber beim letzten Familientreffen erwies sich das unverfängliche Reisethema als durchaus tückisch. Was? Du willst in die Türkei fahren und den Erdogan unterstützen, fragte die Schwester entsetzt. Und die USA, kommt doch gar nicht in Frage, wo da dieser Trump, also weißt Du, das hätte ich jetzt nicht gedacht. Spanien, meinetwegen, Spanien ist nicht schlecht. Mit dem Flugzeug? Also diese Billigfliegerei lehne er total ab, ereiferte sich der Schwager.

Fragen wir halt nach den Kindern und Enkelkinder. Oh, der Sohn der Nichte hat direkt nach dem Studium eine Stelle bei einer Beraterfirma bekommen. Da freuen wir uns aber für ihn. Ist das so eine Firma wie diese McSoundso, fragt der andere Schwager misstrauisch. Ja, die Konkurrenz. Worauf der Schwager eine Weile über die jungen Schnösel schimpft, die immer in die Firma, in der er tätig war, gekommen sind und alles besser wissen zu glaubten. Der frischgebackene Berater schwieg klugerweise. Kindergärten erweisen sich auch als heikles Thema, denn eine Fraktion beharrt darauf, dass es früher auch ohne Ganztagsbetreuung gegangen sei. Drei Kinder hatte ich, uns hat niemand geholfen, ist auch gegangen, aber wir haben nicht so rumgejammert wie die jungen Frauen heute, plaudert die andere Schwester aus ihrer Lebenserfahrung, was die anwesenden jungen Mütter gar nicht gerne hören.

Irgendwann kommt das Gespräch immer auf das unerschöpfliche Thema Arztbesuche, Medikamente und Krankheiten. Da sind die Alten in ihrem Element und berichten aus ihrem unerschöpflichen Erfahrungsschatz. Die meisten Geschichten kennt man schon, aber macht nichts, da kann man sich in Ruhe dem Kuchen widmen. Leider kommt regelmäßig der Moment, wo die anwesenden Kassenpatienten über die Privilegien der Privatpatienten herziehen. Was letztere natürlich nicht auf sich sitzen lassen können, worauf einige vom Tisch aufstehen, um mit den kleinen Enkeln auf dem Boden zu spielen.

Beim Probieren der verschiedenen mitgebrachten Kuchen und Plätzchen (wie, du backst nicht selbst?) bietet sich dann die Gelegenheit, die Ansichten über eine gesunde Ernährung auszutauschen, die leider sehr auseinander gehen. Einig ist man sich nur, dass das Quittenbrot der verstorbenen Großmutter unübertrefflich gewesen sei, das berühmte Quittenbrot. Doch halt, die jüngst Schwester überrascht die Kaffeerunde mit einem speziellen Coming-Out: Nie habe sie dieses süße Zeugs gemocht, nur brav so getan als ob. Und überhaupt, was die Mutter ihr alles vorgesetzt hat damals, unglaublich, dieser eklige fette Speck immer. Was die andere Schwester für ein Zeichen zunehmender, wie man in Köln sagt, Verschnupptheit hält. Immer dieses Getue um das Essen, meint sie kopfschüttelnd, Fett ist nun mal ein wichtiger Geschmacksträger. Was die Angesprochene mit einem Igitt quittiert. Womit das Thema gerade noch rechtzeitig beendet ist, bevor die bekannten Positionen von Fleischessern und Fleischverweigerrn aufeinanderprallen.

Wenn der Tisch abgeräumt wird (die Männer bleiben mal wieder einfach sitzen und lassen uns arbeiten, typisch, sagt die Nichte, als ob sie nur darauf gewartet hätte), wird der Wein geleert und alle sind froh, wenn es gelungen ist, so etwas wie Harmonie zu wahren.

Vielleicht hat das Gegenmodell aber auch etwas für sich. In der Familie des ältesten Schwagers ging es, so erzählt man sich, anders zu. Fünf Söhne, der Vater und eine nicht auf den Mund gefallene Mutter setzten sich, nachdem die traditionelle gefüllte Gans verspeist war, um den Wohnzimmertisch, tranken einen Schnaps und zündeten sich Zigaretten an. Dann fingen sie an, über Politik zu diskutieren. Der Raum füllte sich mit Qualm, die Schnapsflasche kreiste, die Diskussion schaukelte sich regelmäßig auf, die Lautstärke stieg: Ihr Kommunisten werdet Deutschland zugrunde richten, rief der Vater erregt in Richtung der beiden jüngeren Söhne. Die den Vater, der bei der Bundeswehrverwaltung arbeitete, im Gegenzug als unverbesserlichen Militaristen beschimpften. Es ging heiß her, irgendwann stellte die Mutter die vorbereiteten Schnittchen auf den Tisch und wenn die Teller leer gegessen waren, dann fuhren alle heimwärts, guter Dinge, weil sie es den blöden Brüdern mal wieder so richtig gezeigt hatten.