Mit vielen Achs

Falls sich jemand fragt, womit ich mir fast den gesamten Winter – die zwitschernden Vögel sind ja offenbar der Meinung, dass der Winter jetzt vorbei ist – die Zeit vertrieben habe:

(1) Die Hecke war zu hoch, zu mühsam für einen Senior wie mich, sie mit der Heckenschere überm Kopf regelmäßig zu kürzen. Sie wurde also mit Hilfe von Astschere und Kettensäge ordentlich gekürzt. Jetzt können Nachbarn und Hundespaziergänger besser in unseren Garten reinsehen und wir besser raussehen.

(2) Aber, ach, jetzt wurde der Zaun sichtbar, den die Hecke gnädig verdeckt hatte. Den kann man sicher etwas flicken, dachte ich. Habe aber nach drei Tagen genervt aufgegeben. Da muss neuer Maschendraht hin, basta. Aber nicht so hoch wie die als Pfähle dienenden alten Bahngleise, sonst muss ich ja wieder über Kopf heckenschneiden. Nicht, perfekt, gar nicht perfekt, egal.

(3) 50 m Maschendraht waren schnell bestellt und schnell geliefert. Aber, nochmal ach, überall da, wo die Hecke in den Zaun hineingewachsen war, musste die Hecke nochmal beschnitten werden. Danach sah sie krumm und schief aus. Also musste sie überall nochmal beschnitten werden.

(4) Und, ach (Nummer 3), an manchen Stellen war der Draht in ordentlich dicke Buchenzweige reingewachsen, da musste nochmal die Kettensäge ran, oder, wenn es zu eng war, die Handsäge. Dann ging er immer noch nicht ab, denn, noch ein Ach, die Vorbesitzer hatten unten einen längst in den Boden und Wurzeln eingewachsenen schmalen Streifen Kaninchendraht sehr gut befestigt, damit Hund oder Kaninchen nicht weglaufen. Der wollte nicht aus dem Boden, musste aber. Es folgte eine Arbeitspause, weil ich mir dabei einen leichten Hexenschuss zugezogen habe. Kein Ach, sondern Aua.

(5) Als die dicken Zweige alle weg waren, zeigte sich, dass einige Zaunpfähle nicht den Zaun gehalten haben, sondern die Buchenäste die Zaunpfähle. Ach (5).

(6) Der Maschendraht ging dann schnell dran, aber, ach (6), er war ein wenig zu kurz, da half kein Ziehen und Zerren, 70 Zentimeter fehlten. Nochmal 15 Meter bestellen (kleinste Liefergröße) – kommt nicht in Frage, das Stück lässt sich bestimmt aus einem gut erhaltenen Stück des alten Zaunes basteln. Eine Geduldsaufgabe, Maschendrahtzaunflechten muss auch gelernt sein, vor allem bei Minusgraden.

(7) Jetzt ist der Zaun fertig, aber es hat sich noch nicht ausgeacht. Denn überall lagen und liegen ja die abgeschnittenen Buchenzweige und -zweiglein. Das ist noch nicht fertig, da bleibt noch genug für viele weitere Achs (7ff.).

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Dixieland (Zimmerreise IV)

In einer Ecke meines Arbeitszimmer, halb versteckt hinter dem Regal, stehen ein paar Schallplatten. Drei davon stehen nur da, weil sie beim letzten Garagentrödel niemand haben wollte. Eine, weil ich mich nicht davon trennen mag.

Weil es die erste Schallplatte ist, die mir etwas bedeutet hat. Dixieland-Jazz? Ja, Dixieland Jazz. In meinem Elternhaus, zu dem diese Zimmerreise führt, gab es nicht viel anderes. Einen tragbaren Plattenspieler, der, wenn ich mich recht erinnere, meiner älteren Schwester gehörte, und vielleicht 6, später 12 Langspielplatten und 4 Singles. Die Singles schieden schon mal direkt aus, Instrumentalmusik, wohl angeschafft, damit die älteren Schwestern daheim für die Tanzstunde üben konnten. „My Fair Lady“, ein wenig Klassik, alles furchtbar langweilig, wie mir damals schien. Dazu „Play-Bach“, verkitschtverjazzter Bach, der damals recht populär war. Gefiel mir schon besser. Damals. Heute frage ich mich, warum die Play-Bach-Jazzer den schönen Bach mit Schlagzeug verhunzen mussten. Den echten Bach kannte ich als 11/12jähriger zwar aus der Kirche, wusste aber nicht, dass das Bach war, was der Organist da immer wieder zum besten gab. Hat mich auch nicht interessiert.

Sonst gab es in unserem typischen 50er-Jahre-Einfamilienhaus keine Musik. Nur gackernde Hühner. Die Eltern hörten keine Musik. Nie. Es existierte ein Familienradio, das aber nur abends für „Zwischen Rhein und Weser“ und die Nachrichten angemacht wurde. Auf die Idee, es selbst anzuschalten und nach Musik zu suchen, bin ich nie gekommen.

Aufgewachsen ohne Musik … Herr Therapeut, helfen Sie mir, dieses Trauma zu überwinden! Eine unmusikalische Familie, buhu, buhu, keine Chance, meine musikalischen Talente zu entfalten, buhu, buhu … Nö, Quatsch, zwar plärrte nicht ständig das Radio, aber oben im Zimmer meiner Schwester stand ein erst schwarzes, dann weißes, dann zerhacktes Klavier – zerhackt, weil es durch ein besseres Instrument ersetzt worden ist. Meine Eltern konnten beide Klavier spielen, ich könnte allerdings schwören, dass sich meine Mutter nie ans Klavier gesetzt hat, warum auch immer. Und, last not least, meine Schwester spielte recht gut und viel und ich habe ihr oft die Noten umgeblättert.

Aber irgendwann drängt es den jungen Menschen von Muzio Clementis Klaviersonaten zu härterem Stoff. Und das einzige, was ich fand, war eben diese Jazzplatte:

Eine, wie ich inzwischen weiß, sehr seltene Platte, aufgenommen 1960; auch die alleswissenden Datenbanken von Discogs kennen sie nicht. Ist trotzdem nicht viel wert, ich würde sie auch nicht verkaufen. Ich kann sie mangels Plattenspieler auch seit Jahren nicht mehr hören, macht aber nichts, denn „Everybody loves my Baby“ und „After you’ve gone“ könnte ich locker aus dem Kopf vorsingen, inclusive einem guten Stück der Saxophon-Soli, die Billy Waters spielt.

Billy Waters – nie gehört? Macht nichts. Das ist einer der in den USA recht zahlreichen guten Musiker, die ihr Leben lang durch die Gegend getingelt sind und nie den großen Hit gelandet haben. Er ist noch mit 95 (!) öffentlich aufgetreten. Vor einiger Zeit habe ich diese Platte mal einem alten Freund vorgespielt, der seit 60 Jahren Dixiland-Fan ist. Das ist schlechter Dixiland, hat er gesagt. Das hat mich getroffen. So ein Blödsinn, meine erste Jazz-Platte soll schlecht sein. Und mal ganz ohne Sentimentalität: Das ist guter Jazz. Die Begleitband, junge deutsche Jazzer, die spielen so, wie junge deutsche Jazzer meist spielen: Ängstlich bemüht, alle Töne gut zu treffen und zu zeigen, was sie im Musikunterricht so gelernt haben. Benny Waters hingegen spielt schräg, laut, hot. Herrlich. Unendlich weit entfernt von dem, was damals die Hitparaden bestimmt hat.

2012 bin ich mal – Reise in der Reise – in New Orleans gewesen. Wie alle Touristen auch in der Preservation Hall, wo der echte Dixiland-Jazz gespielt wird. Oh je, welche Enttäuschung, uralte Männer spielen die bekannten Gassenhauer, schlafen bei ihren eigenen Soli ein, das Publikum ist trotzdem begeistert, muss schnell den kleinen Raum verlassen, denn draußen wartet schon die nächste Schicht. Nein, dann lieber schnell wieder zurück in mein Elternhaus.

Woher die Platte eigentlich gekommen ist, habe ich nicht rausfinden können. Sie hat meiner älteren Schwester gehört, aber die war nie im Deutschen Schallplattenclub. Vielleicht war sie liegen geblieben bei einer der Parties, die meine Schwestern mit der Dorfjugend zu feiern pflegten, wenn die Eltern in Urlaub waren. Sagenumwobene, wilde Parties – ich musste ins Bett oder war mit meinen Eltern in Urlaub.

In Skiurlaub zum Beispiel, 1961 in Gerlos im schönen Zillertal. Da sang mein Skilehrer, der wie alle Skilehrer notorisch gut gelaunt war, das Lied „Ramona“, den Hit des Jahres. Daneben standen Hits wie „Weiße Rosen aus Athen“, „La Paloma“, „mit 17 fängt das Leben erst an“ und so weiter. Wer denkt, Rock ’n Roll oder gar Jazz hätte in der Zeit irgendeine Rolle gespielt: Unter den Top 30 des Jahres 1961 findet sich nichts dergleichen. Kein Elvis? Doch: „Muss i denn, muss i denn“ und „Are You lonesome tonight“ – letzteres aber auf deutsch gesungen von Peter Alexander. Alles Kitsch oder, wenn schon mal was über den großen Teich herüberschwappte, gnadenlos verkitscht: „Michael Row the Boat ashore“ – ja, aber von Lonnie Donegan gesungen, einem britischen Skiffle-Musiker, der noch mehr religiöse Musik afroamerikanischer Herkunft so hergerichtet hat, dass man sie beim Bier mitgrölen konnte.

Nä, nä, Herr Therapeut, ich habe noch heute eine Aversion gegen alle Pop-, Rock- und Jazz-Musik, die aus Deutschland kommt. Und, Herr Dixie-Spezialist, wenn es besseren Dixie gibt als meinen Benny Waters, dann her damit. Damals jedenfalls ist mir klar geworden: Es gibt noch was anderes als die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe.

Gottfried Keller: Spiegel, das Kätzchen

(… weil ich hier alle Bücher vorstelle, die ich gelesen habe …)

Cat Content – Katzenzeugs, nennen Werbeleute verächtlich Artikel oder Anzeigen mit süßen netten Kätzchen, die nun mal bei einem offenbar großen Publikum immer wieder auf Resonanz stoßen. Und um Cat Content handelt es sich meiner Meinung nach bei dem Märchen „Spiegel, das Kätzchen“ von Gottfried Keller.

Gelesen habe ich das Märchen, weil darin ein Hexenmeister die Rolle des Bösewichtes spielt – sozusagen zur Entspannung, denn ich sitze noch immer an meinem Aufsatz über Hexenverfolgung. Der gute, schlaue Gegenspieler des bösen, dummen Hexenmeisters ist, wer hätte es gedacht, unser Kater mit dem seidenglänzenden Fell, das so glänzt, dass er „Spiegel“ genannt wird.

Interessant an dem heiter-lockeren Märchen fand ich den Anfang: Der Hexenmeister braucht zur Herstellung eines Hexenrezepts dringend Katzenschmalz, darf aber, wenn das Mittel wirksam sein soll, nur das Schmalz einer Katze nehmen, die sich freiwillig von ihm schlachten lässt. Das ist zumindest originell. Dass das schlaue Käterchen den Hexenmeister einlegt, dürfte klar sein.

So weit, so gut. Schon hätte ich die Sache ad Acta legen können, wenn ich nicht den Fehler gemacht hätte, nach der Lektüre den umfangreichen Wikipedia-Artikel zu lesen. An dem hat mich schon mal geärgert, dass der Inhalt lang&breit und mit vielen Einzelheiten nacherzählt wird, wahrscheinlich, damit lesefaule Schüler und Germanisten sich nicht durch die kurze Erzählung quälen müssen …

Und dann, Überraschung Nr. 1: Das ganze soll Gottfried Keller auf seinen damaligen Verleger gemünzt haben, der seinen jungen Autor behandelt habe wie der Hexenmeister die Katze. Dass es sich dabei um eine, vorsichtig ausgedrückt, gewagte Interpretation handelt, hätte den Interpreten schon an der Stelle auffallen müssen, wo sie schreiben, dass keinem Zeitgenossen die Anspielung auf den Verleger aufgefallen ist. Und, man überlege: Der noch völlig unbekannte Gottfried Keller, der verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, sich als Autor durchzuschlagen, bekommt endlich von einem renommierten Verleger einen Vertrag, der Verleger zahlt sogar (wenn auch schlecht) – und der junge Autor hat nichts besseres zu tun, als den Verleger sofort als dummen Ausbeuter zu kritisieren? Sowas, scheint mir, können sich nur beamtete Germanisten ausdenken.

Und dann, Überraschung Nr. 2, verkünden die Bearbeiter des Wiki-Eintrages, bei diesem spätromantischen Kunstmärchen handele es sich um eine vom Philosophen Ludwig Feuerbach inspirierte Satire, Kritik an Aberglauben etc. Ja hat denn nicht Gottfried Keller ein paar Jahre davor in dem Rathaussaal gesessen, in dem Ludwig Feuerbach ein paar Vorträge gehalten hat? Und sich lobend über den Philosophen geäußert! Da müsste doch was draus zu machen sein …

Schaut man nach, wen die Wikipedia als Beleg für diese Auffassung zitiert, wird schnell klar, woher der Wind weht. Der Germanist Hans Richter hat das behauptet, seines Zeichen ein strammer Anhänger des Arbeiter-und-Bauernstaates DDR. Das erkenntnisleitende Interesse des Jenaer Professors ist für jeden, der sich ein wenig in der DDR-Germanistik auskennt, völlig durchsichtig: Es galt, möglichst viele Literaten zu retten, indem man irgendwie nachwies, dass sie doch auf der richtigen Seite, auf der Seite des unaufhaltsam marschierenden Fortschritts waren. Er hatte immerhin Erfolg damit, der Prof. Hans Richter: Er durfte nämlich eine Gottfried-Keller-Ausgabe im Aufbau-Verlag herausgeben. Ein Nachruf ist dann lange nach der Wende im Immernoch-SED-Blatt „Neues Deutschland“ erschienen – aber davon verrät uns die Wikipedia nichts und ich habe die Befürchtung, dass Schüler und Germanisten die Interpretationen, die sie da finden, unkritisch für etwas halten, was zum gesicherten Bestand der Germanistik gehört.

Die heutigen Verleger jedenfalls sind sich wohl sicher, dass es sich um Cat Content handelt, zum Beleg noch zwei Cover: