Zeitungsenten (2): Auf ein Bier mit der DKP

Das Foto ist, passend zur damaligen Zeit, eine Raubkopie

1971/2 studierte ich in Bonn. Nicht zuletzt, weil es mir als jemand, der auswärts wohnte und jeden Tag mit seinem roten Käfer zur Uni fuhr, schwer fiel, Anschluss zu finden, schaute ich mich bei den politischen Gruppierungen um, die damals täglich die Mensa mit ihren Flugblättern überschwemmten.

Aber welche dieser Gruppen war die richtige für mich? Links musste sie sein, klar, alle waren links, RCDS oder so was ging gar nicht. Da ich auf meinem Auto auch den Aufkleber „Bürger für Willy“ hatte, ging ich zu einer Versammlung des SHB, des „sozialistischen Hochschulbundes“, die waren irgendwie SPD, aber andererseits links von der SPD. Wahrscheinlich, wenn ich mir das heute so überlege, hat dabei mehr als die Politik eine Kommilitonin eine Rolle gespielt, die ich aus dem Proseminar Geschichte kannte. Geschichte und Sinologie – schon die Fächerkombination war aufregend….

Keine Ahnung mehr, worum es bei dem Treffen der SHB-Gruppe ging. Nur dass die hübsche Sinologin auch da war, weiß ich noch. Und dass sie nach der Veranstaltung blitzschnell den Saal verließ.

Gegen Frust hilft Bier, dachte ich und ging mit einem anderen Kommilitonen aus dem Proseminar in eine Kneipe. Dem jungen Mann, so stellte sich heraus, hatte das SHB-Treffen gar nicht gefallen. Die hätten einfach die falsche Linie, meinte er. Er sei nämlich in der DKP-Hochschulgruppe, da sehe man das anders. Nun hatte ich von den westdeutschen Kommunisten nicht gerade viel Ahnung. Aber, so fiel mir ein, da hatte ich doch gerade in der „ZEIT“ etwas gelesen: Martin Walser, der große Martin Walser, mein damaliger Lieblingsschriftsteller, hatte sich für die DKP ausgesprochen. Dass man die DKP im Westen nur als ein Anhängsel der Ostberliner Kommunisten ansah, so Martin Walser damals, sei eine typische Propagandataktik der Antikommunisten. Als ich das dem DKPler vor mir erzählte, schaute er mich seltsam an und bestellte noch ein Bier. Ein oder zwei große Schlucke, dann sagte er: „Das hat der Walser also gesagt. So, so. “ Pause, noch ein Schluck. „Aber genau so ist es doch: Wo es lang geht, sagen die in Ost-Berlin. Wie sollten wir denn unsere politische Arbeit finanzieren, wenn wir nicht ständig Geld aus Ost-Berlin bekommen würden? Meinst Du, die Druckereien arbeiten umsonst für uns?“

Das ging mir dann lange im Kopf herum. Es war also tatsächlich so, wie die Springer-Presse es darstellte. Und die „ZEIT“, meine geliebte „ZEIT“? Gab es da niemand, der mal in die Richtung recherchierte?

Bald darauf zog ich aus meinem Elternhaus aus und ließ unter anderem auch die „ZEIT“ zurück. Es folgten 1972 und 1973 Reisen in die DDR, ins kommunistische Polen, in die Tschechoslowakei. Alle drei Reisen führten nicht in die Hauptstädte oder in relativ vorzeigbare Touristenregionen, sondern in irgendwelche Käffer in der Provinz. Dort habe ich viel mit den Leuten gesprochen und mich gründlich umgesehen. Danach hatte ich vom Sozialismus die Nase voll und spezialisierte mich im Studium auf religiöse Schriften des Mittelalters.

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Zeitungsenten (1): Ein alter Mann als Lokalreporter

Warum glaubst Du eigentlich nichts, was die Medien erzählen, werde ich ab und an gefragt. Dass ich nichts davon glaube, ist natürlich maßlos übertrieben, aber ich bin schon sehr, sehr skeptisch. Und das nicht erst, seitdem das schöne harmlos klingende deutsche Wort „Zeitungsente“ durch „fake news“  ersetzt worden ist. Meine Skepsis hat einen Grund, viele Gründe. Ich will da mal etwas weiter ausholen. Beginnen wir mit der „Kölnischen Rundschau“.

Bild gefunden auf koeln.de

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Meine Eltern lasen in den 60er Jahren die „Kölnische Rundschau“ und die „Zeit“. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, das, was ich da als Jugendlicher gelesen habe, irgendwie anzuzweifeln. Die Eltern äußerten auch keine Zweifel, alles in Butter also.

Dass man nicht alles auf die Goldwaage legen darf, was so in der „Rundschau“ stand, merkte ich, als meine Mutter anfing, für die katholische Pfarrgemeinde die Seniorenarbeit zu organisieren. Das meiste, was sie auf die Beine zu stellen versuchte, war nicht so arg erfolgreich. Adventskaffee, klar, Karnevalsnachmittag sowieso. Bis sie auf die Idee kam, Kaffeefahrten in die nähere Umgebung anzubieten. Die waren fast immer ausgebucht. Um für die Sache noch etwas die Werbetrommel zu rühren, durfte natürlich die „Presse“ nicht fehlen. Der Lokalreporter der „Rundschau“ wurde eingeladen, kam, machte ein paar Bilder und eine Menge Notizen. Aber als die Zeitung mit dem Artikel kam,  hatte der Reporter immer einiges durcheinander gebracht, was meine Mutter jedesmal schrecklich ärgerte. Bis sie schließlich dem Herrn Lokalreporter immer einen fertigen Text in die Hand drückte, den ich schreiben musste, denn meine Mutter hatte bald raus, dass mir das viel leichter fiel als ihr.

Mein Vertrauen in die „Rundschau“ hatte dadurch freilich nicht entscheidend abgenommen. Schließlich war der Lokalreporter ein alter Mann und Alte, da war ich mir Ende der 60er Jahre ganz sicher, kriegen sowieso nichts auf die Reihe.

 

Wenn ich unseren Steinfußboden, der den einen oder anderen Riss hat, ansehe, muss ich oft eine eine Szene denken, die jetzt schon etwa 20 Jahre her ist:

Als mein Elternhaus ausgeräumt und verkauft wurde, hatte ich einen kleinen gusseisernen Ofen vergessen, den „Kanonenofen“, wie mein Vater ihn nannte. Kein gutes Stück, nicht toll erhalten, sondern verstaubt und verrostet, aber unverwüstlich. Der Ofen stand im Heizungkeller und war seit Jahren nicht mehr in Gebrauch. Hätte es nicht 1973 die Ölkrise gegeben, wäre er längst entsorgt worden, aber mein Vater meinte, man könne nie wissen und im Falle eines Falles könne man ja den „Kanonenofen“ reaktivieren.

Ich besuchte deshalb die neue Besitzerin, die mich freundlich zum Kaffee einlud, der auf einem für den kleinen Raum viel zu großen, massiven Couchtisch serviert wurde. Kein schlechtes Stück, aber er hatte einen großen Riss in der Tischplatte. Um etwas Konversation zu machen erklärte ich der Dame, wie man den hässlichen Riss mit einer Mischung aus Epoxid-Harz und Sägemehl fast unsichtbar machen könne. Zu meiner Überraschung lehnte sie das entschieden ab: „Der Tisch stammt noch aus unserem Haus, der kann so bleiben, wie er ist.“ –

„Unser Haus“, das muss man wissen, ist Adels-Jargon für „unser Stammsitz“ oder „unser Schloss“. Die Dame war nämlich eine geborene Gräfin Soundso, verheiratete Freifrau von Soundso-Bindestrich-Soundso. Sie hatte das so gar nicht standesgemäße kleine 50er-Jahre-Haus meiner Eltern nur gekauft, weil sie in der Nähe ihrer Tochter und der Enkelkinder leben wollte, die nebenan in einem auch gar nicht standesgemäßen Haus wohnten, wo im ausgebauten Souterrain Platz für die immerhin 6 Töchter war.

Die Entschiedenheit jedenfalls, mit der die alte Dame auf einem Tisch bestand, den andere auf den Sperrmüll gestellt hätten, die Souveränität, mit der sie das Alte alt sein ließ, ohne die Alterungsspuren irgendwie zu kaschieren – das hat mir imponiert.

Seitdem überlege ich manchmal, wie echt eigentlich die heutzutage allgegenwärtige Begeisterung für das Nostalgische, für das Alte ist. Irgendwie alt soll es aussehen, aber gleichzeitig wie neu. Wird nicht oft das wirklich Alte genauso abgelehnt wie das wirklich Neue? Ist nicht das, was der Nostalgie-Mode gefällt, nur selten wirklich alt, also Nostalgie-Kitsch?

Den „Kanonenofen“ hat Freifrau von Soundso-Bindestrich-Soundso übrigens nicht rausgerückt.