Fürs Leben lernen wir

Jetzt stehen sie wieder morgens nicht viel nach 7 Uhr im Dunkeln an der Ecke und warten auf den Bus. Frierend, verschlafen, manche, meist Jungens, auch schon rauflustig. Bei Regen stehen sie im Regen, eine Unterstellmöglichkeit gibt es nicht.

Zwei Busse fahren jeden morgen zum Gymnasium, andere gehen zum Bahnhof, weil sie mit der S-Bahn zum anderen Gymnasium fahren oder zur Mädchen-Realschule. Dann fährt noch ein Bus zur Gesamtschule und zur Hauptschule müssen die Zöglinge ja auch irgendwie befördert werden.

Unser Ort hat immerhin 4000 Einwohner, aber weder hier noch in den Nachbarorten gibt es irgendeine Schule für die über 10jährigen. Hat die Politik so gewollt. Nur große Schulen sind gut. Ganz große Schulen sind besonders gut. So hat das Gymnasium über 2000 Schüler, von denen um die 95% mit Bussen herangefahren werden. Zu Fuß können das Gymnasium nur wenige erreichen, weil es auf der sprichwörtlichen grünen Wiese errichtet worden ist. Mit dem Fahrrad schon ein paar mehr. Aber im Winter im Dunkeln zu radeln, ist weder besonders angenehm noch ungefährlich. Also der Bus. Im Dunkeln hin, in der Dämmung oder im Dunkeln zurück, ist ja eine Ganztagsschule.

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir, hat Seneca angeblich gesagt. In Wirklichkeit hat er glatt das Gegenteil gesagt, aber egal: Was lernen die Schüler, die hier auf dem Dorf groß werden, fürs Leben, wenn sie morgens auf den Bus warten?

Die einen beschließen, möglichst bald in die Stadt zu ziehen, und machen sich allerlei Vorstellungen darüber, wie schön es sein muss, mal eben Freunde besuchen gehen oder ausgehen zu können.

Die anderen beschließen, nie wieder mit einer Bahn oder einem Bus zu fahren und warten sehnsüchtig auf den Moment, wo sie mit dem ersten eigenen Roller oder dem ersten eigene Auto durch die Gegend brausen können. Ein Schüler, der ein Auto hat, ist der King, alle wollen mitfahren, wohin auch immer.

Eins jedenfalls haben die Land-Schüler fürs Leben gelernt: Egal was die Lehrer oder das Fernsehen so erzählen – ein Depp hat kein Auto.

(und noch eins:) Arno Schmidt – Aus dem Leben eines Fauns

Noch ein Buch von Arno Schmidt. „Aus dem Leben eines Fauns“ ist für Arno-Schmidt-Verhältnisse einfach zu lesen und es hat sogar – für Arno Schmidts Werke nicht selbstverständlich – eine ausgeprägte Spannungskurve.

Ein Kurzroman, der meiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung gefunden hat und findet. Denn es handelt sich um einen Text, der sich mit der Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges beschäftigt. Nun wird man einwenden, dass wahrlich genug Romane und Erzählungen geschrieben worden sind, die diese Zeit zum Thema haben.

Aber Arno Schmidt hat einen ganz besonderen Blick: Er beschreibt in den ersten Teilen des Romans – wie immer mit autobiografischen Zügen – wie das „normale“ Leben im Nationalsozialismus ausgesehen hat. Nicht plakativ, nicht moralisierend, sondern einfach genau beobachtend, wie die Leute sich auf der Arbeitsstelle und im häuslichen Alltag verhalten haben.

Die Schilderung des alliierten Angriffs auf die nahegelegene Munitionsfabrik 1944 dann ist die sprachlich und sachlich eindrucksvollste Beschreibungen der Wirklichkeit des Krieges, die ich kenne.

„Aus dem Leben eines Fauns“ hat auch Schwächen, wie etwa Schmidts immer wieder pubertär anmutende Schilderung seines Verhältnisses zu einer jungen Frau. Trotzdem habe ich es gerne wiedergelesen und mir direkt noch ein Buch von Arno Schmidt bestellt.

Und wieder: Instagram

Vor einiger Zeit habe ich berichtet, dass ich mich bei Instagram abgemeldet habe. Hat nicht lange gedauert, da habe ich mich wieder angemeldet. Warum?

Bevor ich mein altes Instagram-Konto gelöscht habe, habe ich alle Bilder, die da gespeichert waren, heruntergeladen und sortiert. Aber, oh Schreck: Die meisten Bilder scheinen mir nicht wert, aufgehoben zu werden. Und zwar vor allem Blumen&Blüten. Motive und Bildideen wiederholten sich mit den Jahren, da kam nichts neues hinzu. Und was soll ich mit 100 roten Rosen? – – – Aufhebenswert hingegen erschienen mir Fotos, die ich vor allem am Anfang meiner Instagram-Zeit eingestellt hatte, Fotos, auf denen zu sehen ist, was ich so gebastelt oder gebaut habe in den Jahren.

Darum habe ich mich neu angemeldet – wozu ich meinen zweiten Vornamen aktivieren musste – und angefangen, ein Instagram-Alltags-und-Arbeitstagebuch zu führen. Jeden Tag ein Foto, auf dem man sehen kann, was ich gerade gemacht habe.

Das sind verständlicherweise keine spektakulären Aufnahmen. Sollen sie auch gar nicht sein, sie sollen nur meinen Alltag dokumentieren. Gar nicht soooo einfach, habe ich bald gemerkt. Jetzt überlege ich schon bei der Arbeit, was ich denn Charakteristisches aufnehmen könnte …

Kommt nicht so gut an beim Publikum, das offenbar vornehmlich auf schräge Farbkombinationen, ungewöhnliche Perspektiven oder spektakuläre Events wartet. Aber meine Alltagsbrasselei ist halt nur Alltagsbrasselei, die Bilder entsprechend langweilig. Sie müssen erst „reifen“, vermute ich.