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Ein Winter unter Hirschen

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Von Ralf Rothmann wollte ich schon immer etwas lesen. Auch dieses Buch lief mir über den Weg, wieder die ungelesene Originalausgabe, diesmal in einem öffentlichen Bücherschrank in der Fußgängerzone.

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Klingt poetisch, was auf dem Umschlag abgedruckt ist. Aber man darf sich nicht zu früh freuen, denn die meisten Erzählungen in diesem Band enden mehr oder weniger fürchterlich. Am besten hat mir noch der erste Text gefallen, in dem Rothmann erzählt, wie ein Ex-Partner seine Möbel aus der Wohnung abholt. Einfach, realistisch, eindrücklich.

Bei den anderen Erzählungen habe ich mich mehrmals gefragt, warum der Autor meint, so dick auftragen zu müssen. Reicht es nicht, wenn zwei Freundinnen sich von ihren mühseligen Sex-Abenteuern erzählen? Wieso müssen am Schluß nicht nur eine, sondern gleich vier Abtreibungen stehen? Eine andere Geschichte gewährt einen interessanten Blick auf brutale Zustände in Berlin-Kreuzberg. Am Schluss hat eine der beiden Hauptfiguren, ein Jugendlicher, einen Autounfall. Schlimm genug? Nein:Der Unfall muss filmreif auf einer Brücke stattfinden, der Jugendliche dabei theatralisch ums Leben kommen. Und dann erscheint da noch Hund, der dem Jungen mal gehört hat, ein Hundegeist – denn der reale Hund liegt derweil dösend auf dem Sofa … zu viel Effekt, scheint mir. Als ob Rothmann Drehbücher für ein abgestumpftes und übersättigtes Publikum entworfen hätte.

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Mit dieser Meinung stehe ich offenbar nicht alleine. Denn verkaufen lässt sich das Buch trotz besten Zustandes auch nicht gewinnbringend – 1 Euro kostet es im Internet-Antiquariat.

Im Café der verlorenen Jugend

Seitdem ich im „Cool Pains“-Blog schon öfters Ausschnitte aus Werken von Patrick Modiano gelesen habe, hatte ich mir vorgenommen, doch mal eins seiner Bücher zu lesen. Hat eine Weile gedauert, aber jetzt ist mir eins über den Weg gelaufen, und zwar in der Ferienwohnung. Die schöne gebundene Hanser-Ausgabe, nur halb gelesen, ein Lesezeichen steckte drin.

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Ich habe „Im Cafe der verlorenen Jugend“ bis zum Ende gelesen, getragen von der schönen Sprache, diesem fließenden Satzbau, der wahrscheinlich im französischen Original noch eleganter klingt.

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Eine Liebeserklärung an das Paris der 60er Jahre, schreibt der Verlag im Klappentext. Das hat mich ein wenig in die Irre geführt, denn liebenswert scheint mir das Leben der Jugendlichen, deren Hauptbeschäftigung das Herumhängen in Pariser Kneipen ist, keineswegs. Ich hätte dem Titel mehr glauben sollen als dem Klappentext: „Verlorene Jugend“ – dann wäre für mich das tragische Ende der Hauptfigur auch nicht überraschend gekommen.

Der Narr in Christo Emanuel Quint

Ein einem der vorigen Post habe ich schon erwähnt, dass ich derzeit „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ von Gerhard Hauptmann lese, und zwar in der „Volksausgabe“ von 1910, die irgendwieirgendwann mal in meinen Besitz gekommen ist.

Der Roman – Hauptmanns erster – ist damals viel gelesen worden, heute aber ziemlich vergessen, was sicherlich auch an der Sprache liegt. Der Künstler Heinrich Ehmsen, der auch ziemlich vergessen ist – hat den Roman illustriert, hier ein Beispiel:

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Der Held, eben der „Narr in Christo“, ist ein – heute würde man vielleicht sagen – „Erleuchteter“. Ein völlig ungebildeter Mann, der irgendwann eine Kette von Erlebnissen gehabt hat, die dazu führen, dass er sich als völlig losgelöst von den alltäglichen Ups and Downs und völlig durchdrungen von der Energie einer heiteren Gelassenheit erlebt. Da er in seinem Leben nichts als die Bibel gelesen hat, drückt er das mit biblischen Worten aus, mit einer ziemlichen wilden Mischung von Bruchstücken vornehmlich aus dem Neuen Testament. So nennt er sich „Menschensohn“ und versichert „der Vater, der mich gesandt hat, wohnt in mir“ – kein Wunder, dass seine Umgebung ihn für einen falschen Prediger oder für geistesgestört hält. Aber – und hier erweist sich Hauptmann als guter Religionssoziologe – er trifft doch auf Menschen, die geradezu auf ihn gewartet zu haben scheinen, seine ersten Fans. Die wollen Wunder von ihm sehen, was er entrüstet ablehnt. Andere wollen, dass er eine Art sozialer Revolution anführt, was er ebenso entrüstet ablehnt, seine Fans aber nicht hören wollen. Hauptmann schildert hier sehr genau das Elend der unteren Gesellschaftsschichten der damaligen Zeit und die vielfachen Erlösungssehnsüchte, die daraus erwachsen.

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Erzähltechnisch bedient sich Hauptmann dabei eines geradezu genialen Kniffs: Er bedient sich eines Erzählers, der den Standpunkt des aufgeklärten übernimmt, der den „Erleuchteten“ immer wieder als einen psychisch Gestörten bezeichnet. Andererseits aber lässt er den „geistesgestörten“ Helden so reden, dass der empfindsame Leser merkt, dass seine radikal innerliche Religiösität, seine Aussagen und Ansichten so falsch nicht sind …

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Wie gesagt, wegen des Stils und der fast durchgehend altertümlich-biblisch aufgeladenen Sprache keine einfache Lektüre, diese 530 Seiten. Aber ich fand es irgendwie fesselnd.