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Thomas Bernhard – Die Billigesser

billigesser

Was soll man nur von einem Schriftsteller halten, der solche Sätze schreibt:

Jahrelang war er mit den Billigessern zusammen gewesen und hatte mit den Billigessern billig gegessen, so billig mit den Billigessern gegessen wie nirgends sonst und tatsächlich wie nirgends so billig und gut gegessen, denn in der WÖK habe er, Koller, immer billig und gut gegessen und nirgends hätte er jemals noch billiger und besser essen können.

Ach, ab und zu lese ich diese holprigen, sich in endlosen Wiederholungen und Variationen von Seite zu Seite weiter hangelnden Sätze gerne. Natürlich geht es in der Erzählung von den Billigessern, die nicht zu den bekanntesten Werken von Thomas Bernhard gehört und für Thomas-Bernhard-Anfänger nicht so besonders zu empfehlen ist, weder um das Essen noch um die Qualität der Mahlzeiten in der WÖK, der Wiener öffentlichen Küche.  Wie so oft bei Thomas Bernhard geht es um einen Außenseiter, einen Gescheiterten, der sich freilich für einen ganz großen Geist hält und der die ganze Zeit von seinem großen Werk redet, ohne dass er auch nur ein einziges Kapitel dieses angeblich epochalen Werkes vollendet hätte. Und, um das Ende vorweg zu nehmen (Spannung im üblichen Sinne gibt es sowieso nicht): Am Ende stirbt dieser schwadronierende „Geistesriese“, ohne auch nur angefangen zu haben, dem Erzähler (und damit dem Leser) wie versprochen einen Einblick in die Grundzüge seines Werkes zu geben.

 

 

 

 

 

Neujahrs-Vorsatz

Meinen Neujahrsvorsatz habe ich schon in die Tat umgesetzt. Das war einfach. Ich habe mir am Silvesterabend mehr aus einer Laune heraus als aufgrund von tief schürfenden Überlegungen vorgenommen, 2015 meinen Facebook-Account zu löschen. Schwupps, weg war er. Ich will nicht behaupten, dass die Beschäftigung mit Facebook grundsätzlich und immer vertane Zeit ist, nein, sicher nicht grundsätzlich und immer, aber für mich doch zu oft.

Und weil in diesen Tagen alles etwas ruhiger geht, habe ich mir sogar zum ersten Mal seit längerem wieder ein dickes Buch vorgenommen, das ich schon 20 Jahre mit mir rumschleppe:

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Einen fast vergessenen Roman von Gerhard Hauptmann. Er muss fast vergessen sein, denn er hat noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. Ist auch recht schräg und überhaupt nicht zeitgeistkonform. Aber dazu will ich mich erst äußern, wenn ich auf der letzten Seite bin.

Bücherschau, zweiter Teil

Ohne oder mit nur ganz schlechtem Internet hatte ich unterwegs viel Zeit zum Lesen von ganz normalen Büchern. Hier der zweite Teil meiner Leseliste:

rätsel kafka

Das beste ist der Umschlag, aber der ist auch auch nicht selbst entworfen, sondern eine Fotografie von Dalís „Hummer- oder Aphrodisisches Telefon” (1936). Aber so ganz stimmt das nicht, denn das Beste sind die beiden Geschichten von Franz Kafka, die hier abgedruckt sind. Eine („Blumfeld, ein älterer Junggeselle“) kannte ich noch nicht (irgendwie denke ich immer, ich würde alles von Kafka kennen – und dann taucht da noch was auf …), die andere („Ondradek“) ist bekannter. Wie gut diese Geschichten sind, sieht man unmittelbar, wenn man die anderen in diesem Band versammelten surrealistischen Geschichten liest: Es geht eben nichts über Meister Kafka.

Surreal sind auch die meisten Geschichten in dem dicken Science-Fiction-Sammelband von Heyne. Aber schon die Aufmachung dieser Bände zeigt, dass man dergleichen in Deutschland nicht zur Kultur, auf keinen Fall jedenfalls zur Hochkultur rechnet.

Heyne_Science_Fiction_Jahresband_1980

Das macht mir nichts und so lese ich von Zeit zu Zeit gerne gute Science-Fiction-Literatur. Bei Science-Fiction denken die, die sie nicht lesen, meist nur an irgendwelche Raumfahrtabenteuer oder Sternenkriege. Das ist glücklicherweise nicht so, die Science-Fiction-Literatur, die ich meine, ist überaus kreativ und zugleich nachdenklich machend. So in diesem Band die Geschichte von Robert Silverberg, die das Ende der Welt thematisiert oder die leider sehr kurze Story vom Altmeister Asimov, der humorvoll den Einsatz von Großcomputern in einem Krieg beleuchtet.

Von Robert A. Heinlein, den ich immer gerne lese (unvergleich sein „Fremder in einer fremden Welt“), ist „Der Mann, der den Mond verkaufte“ abgedruckt, weniger eine Geschichte, als ein ganzer Roman:

the man who sold

Eine intelligente Satire nicht auf den Wettlauf zum Mond, sondern auf kapitalistische Vermarktungs-Strategien, mithin immer noch lesenswert, auch wenn der Autor sich 1950 die erste Reise zum Mond doch etwas anders vorgestellt hat, als sie sich dann tatsächlich abgespielt hat. Aber auch das ist nicht ohne Reiz: Zu sehen, wie Heinlein bei seinen technischen Prognosen teilweise daneben gelegen hat, teilweise aber auch ins Schwarze getroffen hat.

Marcel Reich-Ranicki hat wahrscheinlich keine Science-Fiction-Literatur gelesen, er hat sich ja auch weitgehend auf deutschsprachige Literatur beschränkt. Ein buch eines deutschsprachigen SF-Autors habe ich auch angelesen, aber weggelegt: Nämlich „Zarathustra kehrt zurück“ von Herbert W. Franke, der einer der besten deutschen Autoren sein soll. Vielleicht ein Vorurteil von mir, vielleicht Zufall: Aber ist es nicht typisch für die Deutschen und die deutsche Literatur, dass sich Herbert W. Franke die Zukunft offenbar nur als eine Kette von Katastrophen vorstellen kann?

Nun hat es ja im Deutschland des 20. Jahrhundert wahrlich genug Katastrophen gegeben und Marcel Reich-Ranicki war mittendrin:

Marcel Reich Ranicki Mein Leben

Seine Autobiografie habe ich mit Skepsis angefangen, aber nach den ersten paar Seiten kaum noch aus der Hand gelegt. Nicht nur weil sie verdammt gut geschrieben ist, sondern weil sein Leben in Berlin, im Warschauer Ghetto, die Flucht, sein Überleben im Versteck einfach, wie soll ich sagen, berührt.

Und sein Wirken als Literaturkritiker in der Bundesrepublik ist für literarisch Interessierte auch Pflichtlektüre. Dass ich das erst jetzt gemerkt habe, ist eigentlich eine Schande.