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Pescado Blanco – Erinnerung an einen Fisch

0Der Pescado Blanco (petunia splendia) ist eine Buntbarsch-Art, die nur im Lago Petén Itzá herumschwimmt, folglich auch nur dort gefangen und gegessen werden kann. Man hat wohl zu viel gefangen, weshalb die Taiwanesische Entwicklungshilfe Nachwuchs in großen Becken züchtet. Gerade sind wieder 10 Millionen Fischlis ausgesetzt worden. Der Lago Petén Itzá ist mit seinen 100 qkm größer als der Chiemsee und doppelt so groß wie der Ammersee, und es treiben sich dort außer einer Handvoll Krokodile sicher auch noch andere Fischarten herum, der Pescado Blanco ist aber nun mal die Spezialität der Region und die meisten Lokale auf der Insel haben ihn auf der Speisekarte stehen, meist ganz unten, wo die teuersten Gerichte aufgelistet sind, denn 12 – 15 € muss man dafür schon auf den Tisch legen, was für dortige Verhältnisse sehr viel ist.
Ich esse nicht gerne Fisch, und wenn er teuer ist, erst recht nicht. Dann bestelle ich mir lieber einen Hamburger nach Art des Hauses – die schmecken in Guatemala immer gut.
Aber eines Tages haben haben wir uns zu mehreren für den ganzen Tag eine „Lancha“ gemietet, einen der typischen flachen Holzkähne mit Außenborder, die von einem „Lanchero“ gesteuert wird – in unserem Falle ein junger Bursche, der den Job erst seit 3 Monaten macht.
Bei dem dort üblichen schwachen Wind und flachen Wasser ist das Lancha-Fahren aber wirklich keine Kunst, und so tuckern wir lange am Ufer entlang, beobachten Wasservögel, bleiben eine Stunde an einem Badeplatz und so weiter. Herrliches Wetter, herrliche, gemütliche Tour.

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Seeluft macht hungrig, der Lanchero weiß Rat: Doña Rosas Comedor. Wir fahren dort vorbei, einer der Muttersprachler bestellt einen Tisch und auch schon mal die Hauptgerichte, damit Doña Rosa Zeit für die Vorbereitungen hätte. Ich mache derweil Fotos vom Ufer und den Strassen und von einem Schwein, das an einem Baum angeleint ist. Ein schwieriges Unterfangen, denn das blöde Schwein wollte sich nicht fotografieren lassen und zog sich immer in den Schatten eines Holzstalles zurück, aus dem ein kleines Pferd oder ein großer Esel schauten – irgendetwas in der Richtung. Deshalb hatte ich keine Zeit, mir den Comedor anzusehen und mich um die Bestellung zu kümmern.

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Comedor heißt ja eigentlich Speisesaal, in Guatemala aber nennen sich auch Betriebe so, in denen Frauen unter einem Dach irgendetwas bruzzeln, das die Gäste dann auf einer Terrasse oder an einfach irgendwo hingestellten Plastikstühlen und Tischen verzehren, ziemlich basic, könnte man sagen, aber andererseits praktisch, denn bei der dort üblichen Hitze ist das Kochen in einem abgeschlossenen Raum kein Vergnügen und das Essen unter einem schattenspendenden Baum oder Palmblatt- oder Plastikfolien- oder Wellblechdach recht angenehm.
Solch ein Comedor ist auch der Comedor von Doña Rosa, die Terrasse recht hübsch mit Blick auf den See, die Küche offen, daneben eine Art großer Sitzecke, in der Männer sitzen, die im Fernsehen den Bayern aus München bei Endspiel um irgendeine Trophäe zuschauen, daneben eine große Menge leerer Bier- und Colakisten, eine Reihe Hühner, die längst dem letzten Grashalm den Garaus gemacht hatten.
Für mich war auch Fisch bestellt, den berühmten Pescado Blanco sollte ich mir doch nicht entgehen lassen und bei der Doña koste er auch nur 8 €. Also gut, die Alternativen hießen nur Salat oder Huhn mit Salat: Warum nicht den Fisch?
Und zu trinken? Einen Licuado? Nein, danke, diese frisch zubereiteten Fruchtshakes mit Milch oder Wasser sind zwar sehr lecker, aber bei Betrieben, das liest man immer wieder, wo man nicht abschätzen kann, wie man es in der Küche mit der Hygiene hält, soll man besser die Finger davon lassen. Also ein Sprite. Nicht, dass ich diese Zuckerbrühe besonders gerne mag, aber in Mittelamerika lernt man die Produkte, die unter Kontrolle der Coca-Cola-Company abgefüllt worden sind, ganz neu schätzen.

2Der Fisch kommt, der Fisch schmeckt gut, der Fisch wird gegessen, ein großes Vieh, erstaunlich, wie viel da dran ist, dazu ein Teller Fritten und ein Stück Avocado.

3 4Anschließend lassen uns zu einer Stelle fahren, wo man sich mit einem Seil übers Wasser schwingen und ins Wasser springen kann, „Rope Swing“ nennt sich das und mit 1 € ist man dabei, so oft man will. Der „Lanchero“ springt auch, mit seinen Jeans, danach legt er sich in seine Lancha, lässt sich in der Sonne trocknen und döst. Da mir Fisch und Fritten im Magen liegen, bleibe ich im Sessel sitzen und filme die anderen bei ihren Schwüngen (http://www.youtube.com/watch?v=hXR1OdHo1uo). Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte, denn nachher muss ich mir anhören, ich hätte mich nicht getraut, wie Tarzan übers Wasser zu schwingen. Rückfahrt bei Sonnenuntergang: Immer wieder wunderschön.

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Die nächsten vier Tage allerdings bin ich völlig unfähig zu Tarzan-Schwüngen, weil mich der Durchfall erwischt hat, mit dem fast alle durch Mittelamerika reisenden Europäer irgendwann Bekanntschaft machen. Und was haben die anderen mitreisenden Europäer nicht gegessen? Den blöden Fisch natürlich.

Paella mit Seelachs von der Dersu Uzala aus Qingdao

Ich habe heute Mittag eine Portion Tiefkühl-Paella gegessen, vom ALDI, war recht lecker, für meinen Geschmack etwas zu sehr gewürzt, aber das wollte ich gar nicht erzählen.

ALDI sorgt für uns, und so versorgt der ALDI den Paella-Esser auch mit Informationen. Meine Portion Paella enthält 60 Gramm Alaska-Seelachs, botanisch Theragra chalcogramma, wie uns der Text aufklärt. So sieht er aus, wenn er noch nicht zu kleinen Würfeln verarbeitet ist:

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Die Wikipedia klärt uns dann darüber auf, dass der Fisch gar nicht Alaska-Seelachs heißt, sondern Pazifischer Pollack, und behauptet, die Lebensmittelindustrie hätte den Pollack, obwohl er ein Dorsch und kein Lachs ist, einfach Lachs getauft, weil die Leute so gerne Lachse essen. Ich habe eine andere Theorie: Man wollte aus Gründen der politischen Korrektheit einen Fisch nicht mit dem Schimpfnamen für unsere polnischen Nachbarn stigmatisieren. Ein Indiz dafür ist, dass in den USA, wo der Pollack in jedem Fish-Hamburger steckt, man den Fisch nicht umgetauft hat, denn auf englisch heißt er ja auch nicht Pollack, sondern ganz korrekt Pollock.

Wie dem auch sei, die deutsche Wikipedia behauptet dann ohne Quellenangabe, der Pollack sei stark überfischt, wobei sie sich auf Greenpeace beruft, deren Mitarbeiter bekanntlich in allen Meeren rumtauchen und überall die Fische zählen.

Richtig daran ist, dass die Menge des gefangenen Pollacks seit 2007 tatsächlich sehr geschrumpft ist, was wir in der englischen Wikipedia mit Quellenangabe und Schaubild studieren können, dass aber danach verschiedene Maßnahmen ergriffen worden sind, um die Population nicht zu gefährden. Dort erfahren wir auch, dass der Pollack, von dem nach wie vor Unmassen herumschwimmen, gar nicht auf der internationalen Roten Liste steht, sondern nur auf einer Roten Liste, die Greenpeace erfunden hat.

Schon in der englischen Wikipedia wird gestreift, dass die Population dieses Fisches hauptsächlich von ganz anderen Faktoren bestimmt wird als von der Fischerei, nämlich von den Strömungen in den Hauptverbreitungsgebieten. Das wird dann bei Fischbestände online genau erklärt. Wer sich die jeweils gut belegten Angaben dort ansieht, erfährt zu seinem Erstaunen, dass der Fischbestand seinen historischen Tiefpunkt im Jahre 2000/2001 erreicht hat und dass er seitdem wieder kontinuierlich ansteigt. Genauer gesagt: Der Bestand an diesem laut Greenpeace zunehmend gefährdeten Fisch hat sich zwischen 2001 und 2010 mehr als verdoppelt (von 2,5 Mill. Tonnen auf 6,6 Mio. Tonnen.). Man erfährt dort noch viel über Höchstfangmengen und mangelnde Daten, was ich jetzt der Kürze halber weglassen will.

Auch die englischsprachige Seite „fishbase“ weiß nichts von einer Gefährdung, lobt im Gegenteil, dass der Pollack unter Kontrolle des Marine Stewardship Council „well-managed and sustainable“ gefischt würde, verrät uns außerdem, dass dieser so um die 50 cm lang ist, was die deutsche Wikipedia vor lauter Aufregung um die böse Lebensmittelindustrie zu erwähnen vergessen hat.

Zurück zur Paella: Die Packung informiert weiter über das Fanggebiet, nämlich das Ochotskische Meer, das ich erst beim Paella-Aufwärmen kennengelernt habe und von dem ich jetzt weiß, dass es in Ost-Sibirien liegt, dass es folglich im Winter regelmäßig zufriert, dass es berüchtigt ist für Stürme und Nebel und dass dort viele Fische rumschwimmen. Wahrlich keine gute Gegend für eine gemütliche Angeltour.

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Mein Fisch hat sich dort in einem pelagischen Schleppnetz verfangen, auch das verrät die Paella-Packung. Das wird uns deshalb verraten, weil die pelagischen Netze die „Guten“ sind, im Gegensatz zu den Grundschleppnetzen gehen in die pelagischen fast nur die Fische, die man auch fangen will, es gibt also kaum Beifang.

Die Packung weiß sogar, hinter welchem Schiff das Netz gehangen hat, nämlich hinter der MS Dersu Uzala. Filmfreunde werden vielleicht den gleichnamigen Film über einen tartarischen Jäger kennen, dessen Plakat mich allerdings wenig dazu animiert, mir den Film anzuschauen:

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Nun, das Internet weiß alles, es kennt also auch dieses Schiff, weiß, dass es ein 1990 gebauter Trawler von 97 m Länge ist, der unter russischer Flagge fährt. Wer möchte, kann den aktuellen Standort dieses Schiffes auf dieser Seite abrufen.

Die MS Dersu Uzala hat also eines Tages mit vollen Schleppnetzen einen Hafen angelaufen, um dort von der Frozen Food Trading GmbH aus den Fischleins tiefgekühlte Würfel machen zu lassen. Diese Firma – wir hatten es schon aufgrund des Zusatzes „GmbH“ vermutet – hat ihren Sitz in 22083 Hamburg, und zwar in der Osterbekstrasse 90.

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Eine Website hat die Firma offensichtlich nicht, aber – wie man sieht – ein schönes Firmenschild. Viel mehr ist an der angegebenen Adresse offenbar nicht, jedenfalls keine Lagerhallen, sondern in dem Bürohaus wohnen noch Ärzte, Rechtsanwälte, ein Nachhilfestudio und der Hanseatische Aktienclub.

Damit will ich jetzt keineswegs behaupten, es handele sich um eine Briefkastenfirma. Vielmehr ist es ja so, dass die Firma eben auf den Weltmeeren daheim ist, da, wo der Fisch gefangen und gewürfelt wird. Mein Fisch, verrät die Packung, ist im Hafen Quingdao angelandet und verpackt worden.

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Quingdao hört sich recht chinesisch an und liegt auch in China, ist aber für eine hanseatische Traditionsfirma doch irgendwie noch eigenes Terrain. Wie man auf dem obigen Bild erkennt, ist der Baustil dort recht deutsch, was daran liegt, dass Qindao unter dem alten Namen Tsingtao jedem, der sich für die deutschen Kolonien begeistert, als die Musterkolonie unseres Kaisers Wilhelm bekannt ist.  Gut, heute begeistert sich niemand mehr für Kaisers Kolonien, aber die Hanseaten, die verpacken ihren Fisch eben immer noch da.

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Für die, die mehr dem süddeutschen Brauchtum verhaftet sind, wird dort auch alljährlich ein bayrisches Oktoberfest gefeiert. Die deutsche Brauerei-Tradition hat dort nämlich auch Maos Kulturrevolution überstanden, womit die Diehl-Gruppe Mitarbeiter nach China zu locken versucht.

Gut, die Paella ist jetzt fast verdaut, die Frage der Herkunft der Fischwürfel auf meinem Teller geklärt. Nur wo die 40 Gramm Hähnchenbrust in der Paella herkommen, das erfahren wir nicht, aber daran wird sicher schon gearbeitet.