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Metallbearbeitung

IMG_0087Eigentlich arbeite ich lieber mit Holz. Eigentlich sollte auch ein Schlosser kommen und die alten Treppenhandläufe wieder ans Terrassengeländer schweißen. Aber der erste Schlosser war drei Mal da, um sich die Sache anzusehen und ist dann nicht wiedergekommen. Der zweite hat sich die Sache nur einmal angesehen und ist dann auch nicht wiedergekommen.

IMG_0093Also habe ich mir überlegt, wie man den Handlauf mit Stahlwinkeln an die Treppenwangen schrauben und dann mit dem Geländer verschrauben kann. Da wir kein Normgeländer haben (irgendwie ist heute alles genormt), sondern ein Geländer, dass vor vielen Jahren mal Schlosser vor Ort zusammengeschweißt haben, gab es keine Beschläge, die gepasst hätten. Ich habe also aus einem Stück L-Stahl-Profil 8 Wangenhalterungen gebastelt, dann die Handlaufstreben auf die richtige Länge geflext, ein Stück Geländer abgetrennt und neue kleine Stahlstreben angefertig, damit der Anschluss zum Handlauf passt.

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Allmählich habe ich verstanden, weshalb die Schlosser keine Lust auf den Job hatten. –

Aber: Hat was, das Arbeiten mit Metall. Wenn man da mit der Flex steht, die Funken im weiten Bogen fliegen, mit dem Bohrer mit ganz, ganz niedriger Drehzahl Löcher in den Stahl bohrt, bis alles voller silbriger Späne ist … irgendwie eine archaisch männliche Tätigkeit. Wahrscheinlich gibt es nicht gerade viele Frauen, die sich als Schlosserin betätigen.

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Gedanken beim Entrosten

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Im Paradies hat es keinen Rost gegeben. Da bin ich mir ganz sicher. Die entsprechenden Passagen des Buches Genesis schweigen sich über diese Frage aus, aber ich bin sicher: Der Rost gehört zu den Strafen, die Gott Eva und Adam auferlegt hat, denn Rostentfernung und der Schweiß des Angesichts gehören unbedingt zusammen. Dabei ist „Schweiß deines Angesichts“ ein purer Euphemismus. Dergleichen können sich nur Schreiber ausdenken, denen beim Ringen um die rechte Formulierung schon mal ein Schweißtropfen auf die Stirn gerät. Tatsächlich geht es beim Anbau, bei der Ernte und der Herstellung des täglichen Brots ebenso wie bei der Rostentfernung nicht ohne den Schweiß der Achselhöhlen, den Schweiß, der den Rücken herabläuft und nicht zuletzt den Fußschweiß ab.

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Im Paradies also gab es keinen Rost. Eisen blieb Eisen, es gab keinen Verfall. Alles gleichförmig, statisch. Deswegen war es Adam ja auch so langweilig, dass Gott ihm eine Gefährtin geben musste. Da war dann Schluss mit der Langeweile. Mit der Dauerharmonie auch. Das steht zwar nicht geschrieben, aber jeder partnerschaftserfahrene Mensch weiß das: Kaum waren Mann und Frau im Paradies, waren nicht nur himmlische Ruhe und Langeweile vorbei, sondern schon da stand das Paradies auf der Kippe. Die Sache mit dem Apfel hätte es gar nicht gebraucht.

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Zurück zum Rost, dem unparadiesischen Eisenverfallsprodukt, das nur teuflischen Ursprungs sein kann, ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Fragt sich nur, was das Gute sein soll, das der Rost schafft.

Manchmal kommen die Antworten auf schwierige Fragen himmlisch-teuflischer Dialektik einfach vorbeigefahren: Diesmal in Gestalt eines Schrotthändlers, dem ich leider keinen Schrott mitgeben konnte, aber einen Teil der Lösung verdanke. Ohne Rost würden Eisen und Stähle ewig halten, die Menge des Schrottes würde gegen Null gehen. Und die armen Schrotthändler? Und die Autoindustrie? Der Schiffbau? Die Farbenhersteller? Branchen, für die der Rost ein wahrer Segen ist.

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Ich bin leider derzeit in einer anderen Branche tätig. Rostentfernung am Terrassengeländer. Mit Feile, Flex mit Schruppscheibe, Flex mit Fächerscheibe, mit dem Hammer. Alles muss runter. „Wenn Sie das machen wollen … “ hat der Schlosser gemeint, der ein Stück des Geländers schweißen sollte, aber nicht wiedergekommen ist. „Wenn Sie das machen wollen“ heißt übersetzt aus der Handwerkersprache in Normdeutsch: „Ganz schön blöd, sich damit rumzuschlagen. Altes Geländer abflexen, ein neues Geländer aus rostfreiem Edelstahl drauf und fertig ist die Sache.“ – Das schöne Geländer! Aus den 30er Jahren! Deutliche Art-Deko-Elemente! „Wenn Sie das machen wollen … „

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Die nächste Schleifscheibe drauf, den Staub von der Schutzbrille gewischt und weiter geht es. Rost ist nicht nur deswegen eine blödes Sache, weil er Eisen in Staub verwandelt, sondern weil er mit Regenwasser auf die neuen Terrassenplatten tropft und diese intensiv und schwer entfernbar in Rostfarbe einfärbt. Farbpigmente, die gar nicht zu den gelblichen Platten passen wollen, die doch laut Hersteller ein mediterranes Flair hier an den Rand des Tagebaus zaubern sollen. Dabei kennt man im Mittelmeerraum schon länger die Vorteile des Rosts und färbt damit die Oliven. Wer es nicht glaubt, kann ja mal den Zusatzstoff E172 googeln. Und wieder hat der alte Goethe es getroffen: Auch für den Oliven-Vermarkter ist der Rost ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.