Schlagwort-Archive: Greenpeace

Paella mit Seelachs von der Dersu Uzala aus Qingdao

Ich habe heute Mittag eine Portion Tiefkühl-Paella gegessen, vom ALDI, war recht lecker, für meinen Geschmack etwas zu sehr gewürzt, aber das wollte ich gar nicht erzählen.

ALDI sorgt für uns, und so versorgt der ALDI den Paella-Esser auch mit Informationen. Meine Portion Paella enthält 60 Gramm Alaska-Seelachs, botanisch Theragra chalcogramma, wie uns der Text aufklärt. So sieht er aus, wenn er noch nicht zu kleinen Würfeln verarbeitet ist:

Bild

Die Wikipedia klärt uns dann darüber auf, dass der Fisch gar nicht Alaska-Seelachs heißt, sondern Pazifischer Pollack, und behauptet, die Lebensmittelindustrie hätte den Pollack, obwohl er ein Dorsch und kein Lachs ist, einfach Lachs getauft, weil die Leute so gerne Lachse essen. Ich habe eine andere Theorie: Man wollte aus Gründen der politischen Korrektheit einen Fisch nicht mit dem Schimpfnamen für unsere polnischen Nachbarn stigmatisieren. Ein Indiz dafür ist, dass in den USA, wo der Pollack in jedem Fish-Hamburger steckt, man den Fisch nicht umgetauft hat, denn auf englisch heißt er ja auch nicht Pollack, sondern ganz korrekt Pollock.

Wie dem auch sei, die deutsche Wikipedia behauptet dann ohne Quellenangabe, der Pollack sei stark überfischt, wobei sie sich auf Greenpeace beruft, deren Mitarbeiter bekanntlich in allen Meeren rumtauchen und überall die Fische zählen.

Richtig daran ist, dass die Menge des gefangenen Pollacks seit 2007 tatsächlich sehr geschrumpft ist, was wir in der englischen Wikipedia mit Quellenangabe und Schaubild studieren können, dass aber danach verschiedene Maßnahmen ergriffen worden sind, um die Population nicht zu gefährden. Dort erfahren wir auch, dass der Pollack, von dem nach wie vor Unmassen herumschwimmen, gar nicht auf der internationalen Roten Liste steht, sondern nur auf einer Roten Liste, die Greenpeace erfunden hat.

Schon in der englischen Wikipedia wird gestreift, dass die Population dieses Fisches hauptsächlich von ganz anderen Faktoren bestimmt wird als von der Fischerei, nämlich von den Strömungen in den Hauptverbreitungsgebieten. Das wird dann bei Fischbestände online genau erklärt. Wer sich die jeweils gut belegten Angaben dort ansieht, erfährt zu seinem Erstaunen, dass der Fischbestand seinen historischen Tiefpunkt im Jahre 2000/2001 erreicht hat und dass er seitdem wieder kontinuierlich ansteigt. Genauer gesagt: Der Bestand an diesem laut Greenpeace zunehmend gefährdeten Fisch hat sich zwischen 2001 und 2010 mehr als verdoppelt (von 2,5 Mill. Tonnen auf 6,6 Mio. Tonnen.). Man erfährt dort noch viel über Höchstfangmengen und mangelnde Daten, was ich jetzt der Kürze halber weglassen will.

Auch die englischsprachige Seite „fishbase“ weiß nichts von einer Gefährdung, lobt im Gegenteil, dass der Pollack unter Kontrolle des Marine Stewardship Council „well-managed and sustainable“ gefischt würde, verrät uns außerdem, dass dieser so um die 50 cm lang ist, was die deutsche Wikipedia vor lauter Aufregung um die böse Lebensmittelindustrie zu erwähnen vergessen hat.

Zurück zur Paella: Die Packung informiert weiter über das Fanggebiet, nämlich das Ochotskische Meer, das ich erst beim Paella-Aufwärmen kennengelernt habe und von dem ich jetzt weiß, dass es in Ost-Sibirien liegt, dass es folglich im Winter regelmäßig zufriert, dass es berüchtigt ist für Stürme und Nebel und dass dort viele Fische rumschwimmen. Wahrlich keine gute Gegend für eine gemütliche Angeltour.

Bild

Mein Fisch hat sich dort in einem pelagischen Schleppnetz verfangen, auch das verrät die Paella-Packung. Das wird uns deshalb verraten, weil die pelagischen Netze die „Guten“ sind, im Gegensatz zu den Grundschleppnetzen gehen in die pelagischen fast nur die Fische, die man auch fangen will, es gibt also kaum Beifang.

Die Packung weiß sogar, hinter welchem Schiff das Netz gehangen hat, nämlich hinter der MS Dersu Uzala. Filmfreunde werden vielleicht den gleichnamigen Film über einen tartarischen Jäger kennen, dessen Plakat mich allerdings wenig dazu animiert, mir den Film anzuschauen:

Bild

Nun, das Internet weiß alles, es kennt also auch dieses Schiff, weiß, dass es ein 1990 gebauter Trawler von 97 m Länge ist, der unter russischer Flagge fährt. Wer möchte, kann den aktuellen Standort dieses Schiffes auf dieser Seite abrufen.

Die MS Dersu Uzala hat also eines Tages mit vollen Schleppnetzen einen Hafen angelaufen, um dort von der Frozen Food Trading GmbH aus den Fischleins tiefgekühlte Würfel machen zu lassen. Diese Firma – wir hatten es schon aufgrund des Zusatzes „GmbH“ vermutet – hat ihren Sitz in 22083 Hamburg, und zwar in der Osterbekstrasse 90.

Bild

Eine Website hat die Firma offensichtlich nicht, aber – wie man sieht – ein schönes Firmenschild. Viel mehr ist an der angegebenen Adresse offenbar nicht, jedenfalls keine Lagerhallen, sondern in dem Bürohaus wohnen noch Ärzte, Rechtsanwälte, ein Nachhilfestudio und der Hanseatische Aktienclub.

Damit will ich jetzt keineswegs behaupten, es handele sich um eine Briefkastenfirma. Vielmehr ist es ja so, dass die Firma eben auf den Weltmeeren daheim ist, da, wo der Fisch gefangen und gewürfelt wird. Mein Fisch, verrät die Packung, ist im Hafen Quingdao angelandet und verpackt worden.

Bild

Quingdao hört sich recht chinesisch an und liegt auch in China, ist aber für eine hanseatische Traditionsfirma doch irgendwie noch eigenes Terrain. Wie man auf dem obigen Bild erkennt, ist der Baustil dort recht deutsch, was daran liegt, dass Qindao unter dem alten Namen Tsingtao jedem, der sich für die deutschen Kolonien begeistert, als die Musterkolonie unseres Kaisers Wilhelm bekannt ist.  Gut, heute begeistert sich niemand mehr für Kaisers Kolonien, aber die Hanseaten, die verpacken ihren Fisch eben immer noch da.

Bild

Für die, die mehr dem süddeutschen Brauchtum verhaftet sind, wird dort auch alljährlich ein bayrisches Oktoberfest gefeiert. Die deutsche Brauerei-Tradition hat dort nämlich auch Maos Kulturrevolution überstanden, womit die Diehl-Gruppe Mitarbeiter nach China zu locken versucht.

Gut, die Paella ist jetzt fast verdaut, die Frage der Herkunft der Fischwürfel auf meinem Teller geklärt. Nur wo die 40 Gramm Hähnchenbrust in der Paella herkommen, das erfahren wir nicht, aber daran wird sicher schon gearbeitet.