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Interpretations-Trauma

Ach, und noch was zu dem im vorigen Beitrag vorgestellten Lehrer (der hiermit zum letzten Mal vorkommen wird, versprochen). In der Klasse 12 habe ich mir in seinem Deutschunterricht ein Trauma eingefangen.

Klassenarbeit: Elisabeth Langgässer: Saisonbeginn. Interpretieren Sie!

Ergebnis: Mangelhaft.

Hat mich tief getroffen. Ich war ja kein schlechter Schüler und hatte in meiner gesamten Laufbahn vorher nur zwei „Mangelhaft“ gehabt: Einmal in der Klasse 6, das zweite in der 10 in Englisch. Deutsch immer zwischen 2 und 3, die vorige Interpretation zu Brechts „Haifischen“ bei einem anderen Lehrer war auch gut gewesen. Und jetzt ein Mangelhaft?

Für mich damals war der Fall schnell erklärt: Der Herr Lehrer hatte sich angegriffen gefühlt und mit einer „5“ zurück geschossen. Ich wusste nämlich gar nicht so recht, worauf es bei einer Interpretation ankam. Wenn ich mich recht erinnere, hat der Lehrer das auch nicht besprochen, keine Übungen, keine Vorbilder. Ich war der Meinung, ich sollte den Text entschlüsseln, irgendein Geheimnis finden und deuten, irgend etwas Verschlüsseltes, dass die Autorin in den Text eingebaut hatte. Ha, und ich kam mir besonders schlau vor, weil ich so ein Geheimnis gefunden hatte. Am Schluss der Geschichte nämlich heißt es:

„Auch der sterbende Christus, dessen blasses, blutüberronnenes Haupt im Tod nach der rechten Seite geneigt war, schien sich mit letzter Kraft zu
bemühen, die Inschrift aufzunehmen: man merkte, sie ging ihn gleichfalls an, welcher bisher von den Leuten als einer der ihren betrachtet und wohl gelitten war.“

Gott tut nichts angesichts der berichteten Untat der Nationalsozialisten, Christus hängt nur sterbend am Kreuz. Will uns die Autorin nicht damit sagen, dass es gar keinen Gott gibt? —-

Ach, da lag ich bei dem Herrn, der auch Religionslehrer war, total falsch: Völlig missverstanden, mangelhaft. Ich habe die Geschichte jetzt noch einmal gründlich gelesen, er hat natürlich recht. Aber woher sollte ich wissen, dass diese Elisabeth Langgässer, die im Unterricht nie erwähnt worden ist, eine ausgesprochen religiöse Autorin gewesen ist. Hätte ich so etwas geschrieben wie: „Hier deutet Langgässer auf das Mysterium eines sich vor dem Menschen verbergenden Gottes“ oder „deutlich wird die Verzweifelung der Autorin angesichts des sterbenden Gottessohnes, eine Verzweifelung, die aufgehoben werden kann nur im gläubigen Vertrauen auf das sich in der Auferstehung zeigende Jenseits des Todes“ oder sonstige Theologenprosa, hätte ich ….

Egal, ob ich ein wenig Recht hatte, oder nicht, das Problem war, dass mir dadurch das Vertrauen in meine interpretatorischen Fähigkeiten völlig abhanden kam. Und zwar nachhaltig. Wo immer es möglich war, drückte ich mich hinfort vor Interpretationsaufgaben. Und ja, das ist mir tatsächlich durch ein komplettes Germanistik-Studium hindurch gelungen. „Schlegels Verhältnis zu Goethe“, „Goethe als Theaterdirektor“, „Adornos Lyrik-Theorie“, „Die Zahlensymbolik im Meier Helmbrecht“ – es gab immer ein Hausarbeitsthema, in dem der Begriff „Interpretation“ nicht vor kam.

Alles hat auch sein Gutes – sagen manche. In diesem Fall bestand das Gute darin, dass ich als Lehrer sehr darauf geachtet habe, Schüler nicht einfach ins kalte Wasser zu werfen mit der Aufgabe „Interpretieren Sie!“, sondern langsam und mit vielen Beispielen und Hilfen versucht habe, klar zu machen, worauf es denn nun ankommen soll. Ist mir vielleicht auch gelungen, obwohl ich mich oft bei dem Gedanken ertappte: Ob ich selbst eigentlich so eine schöne Interpretation schreiben könnte, wie ich es von den Schülern verlange?

„Völlig missverstanden, mangelhaft“ musste ich trotzdem das eine oder andere Mal drunter schreiben. So zeugen sich die Traumata fort ….