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Istanbul (6) – Raus aus Istanbul

IMG_0402In der Morgendämmerung – unsere Reisegruppe hatte schließlich noch fast 800 km, die Überquerung der Dardanellen mit der Fähre und die Besichtigung von Troja vor sich – haben wir Istanbul verlassen. Ziemlich langsam, denn Istanbul zieht sich endlos hin.

Fast 15 Millionen Menschen leben in Istanbul, die viertgrößten Stadt der Welt! Und bald wird Istanbul dank Erdogan den größten Flughafen der Welt besitzen! Sechsmal so groß wie der Berliner „Groß“-Flughafen, verkündet der Reiseführer mit einem Stolz, den ich nicht nachvollziehen kann. 

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IMG_0404Die deutschen Reisenden im Bus diskutieren derweil, ob all die Hochhaussiedlungen, die da gerade neu erstellt worden sind oder noch im Bau sind, überhaupt gebraucht werden oder ob die Türken dabei sind, den gleichen Fehler zu wiederholen wie etwa die Spanier. Dem ist aber nicht so. In der Türkei gründen momentan die geburtenstarken Jahrgänge um 1980 Familien. Damals wurden pro Frau durchschnittlich 5 Kinder geboren, die nun alle ihre eigene Wohnung haben wollen. Inzwischen allerdings ist der Trend gekippt. Heute liegt die Türkei mit knapp 2 Kindern pro Frau etwa gleichauf mit England und Irland.

IMG_0408Schön sind sie nicht, diese Stadt-Auswucherungen, diese alle irgendwie gleich aussehenden Hochhäuser, die alle viel zu eng zusammenstehen. Eher bedrückend. So sind wir froh, als wir wieder das platte türkische Land erreichen.

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Istanbul (5) – Die Blaue Moschee

IMG_0393Kein Zutritt für Falsch- oder Ungläubige, denn gerade haben von einem der sechs Minarette die Lautsprecher laut zum Freitagsgebet gerufen. Eine gute Gelegenheit, sich in den Vorhof zu setzen. An geschützten Stellen lässt es sich in der Sonne gut aushalten. Eine schöne Anlage hat sich der Architekt da ausgedacht, der damalige Chefarchitekt des Osmanischen Reiches, der übrigens wie sein großer Lehrer  Sinan kein ethnischer Türke war, sondern Albaner und als solcher wahrscheinlich ein Christ, was uns nicht so arg wundert, denn die neue Großmoschee in Köln wird auch von einem Architektenbüro gebaut, dem die Kölner wunderschöne moderne Kirchen verdanken. 

IMG_0392Derweil strömen die frisch gewaschenen Massen in die riesige Moschee zum Freitagsgebet.  Sollte man denken. Tatsächlich strömen eher weniger Leute in die Istanbuler Zentral-Moschee als am Sonntag-Vormittag in den Kölner Dom. Vielleicht gehen die anderen Istanbuler Moslems ja in eine der anderen Moscheen, die in Erdogans Istanbul aus dem Boden sprießen wie die Hochhäuser. Oder sollten die Istanbuler doch nicht so arg fromm sein?

IMG_0387Wir stellen uns brav in die lange Schlange, ziehen brav die Schuhe aus, die wir fortan in einer Plastiktüte mit uns herumtragen werden, und betreten die Moschee durch den Hintereingang. 

Ein großer leerer Raum mit enorm dicken Säulen. Ein Imam predigt über die Lautsprecheranlage, niemand hört ihm zu, dem armen.

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Foto: Wikipedia

Wir auch nicht, nicht nur deshalb, weil wir kein Türkisch verstehen. Wir haben ja außerdem ständig die Stimme unseres Reiseleiters im Ohr – und das wortwörtlich. Wir sind nämlich am Morgen mit moderner Technik ausgerüstet worden, jeder bekam ein wireless Hörgerät. So braucht der Reiseleiter in Stadtlärm, Kirche und Moschee nicht so laut schreien und alle seine Schäflein hören trotzdem auf ihn. Alle? Wahrscheinlich sind außer mir noch andere Mitreisende auf die Idee gekommen, das Ding auszuschalten.

Meine Begeisterung für die Architektur wird durch meine kalten Füße gebremst. Wenn ich eine Moschee bauen würde, dann nur mit Fußbodenheizung.

Istanbul (4) – Hagia Sophia

IMG_0378Daran sollten sich deutsche Flughafen- und Bahnhofsbauer mal ein Vorbild nehmen: Nur sechs Jahren haben die Römer in den Zeiten allerspätester großrömischer Dekadenz gebraucht, um das Ding hochzuziehen. Die Glocken waren nicht nicht fertig, machte nichts, Eröffnungsgottesdienst, fertig war das Weltwunder.

Das ist leider nur die halbe Wahrheit. Unser spätrömisches Architektenbüro unter Leitung zweier Griechen hatte sich nämlich etwas verrechnet bei dem Versuch, eine Kuppel zu konstruieren, die sich scheinbar gegen die Gesetze der Statik dem Himmel entgegen wölbt. Große Klappe und nichts dahinter: Die Gesetze der Statik schlugen schon bald zurück, die Kuppel stürzt ein, dann noch mal. Als Entschuldigung fiel den Architekten nichts besseres ein als das Wort „Erdbeben“. Na so was, wo es in der Gegend alle naslang bebt, da hättet ihr halt erdbebensicher bauen müssen!

Dann sollte es ein armenisches Architektenbüro richten. Mit Erfolg, denn was die Armenier gebaut haben, hat fast 400 Jahre lang gehalten, bis die Kuppel wieder einstürzte, wieder aufgebaut wurde. Die zierlichen Stützmauern werden jetzt durch richtig dicke fette Mauern ersetzt: Bauernstatik – dick hält gut.

cherubimInteressant diese Darstellung eines Engels mit sechs Flügeln, der weder allzu vermenschlicht noch allzu verkitscht ist.

IMG_0371Den türkischen Eroberern hat der riesige Bau gut gefallen, sah ja auch so ähnlich aus wie ihre Moscheen, nur größer. Engel und sonstige christliche Deko haben ihnen weniger gefallen, die Christen selbst mochten sie auch nicht leiden. Der ganze falschgläubige Plunder wurde auf dem Trödel verscherbelt, die Mosaiken zerstört oder mit einem Lehm-Kalkgemisch überschmiert. Die falschgläubigen Menschen selbst, die in der Kirche Zuflucht gesucht hatten, wurden, sofern weiblich, vergewaltigt und dann versklavt, sofern männlich, nur dann nicht umgebracht sondern versklavt, wenn sie Glück hatten.

Dann wurden ein paar riesige Tafeln mit Koransprüchen aufgehängt, Teppichboden eingezogen, Eröffnungsgottesdienst, fertig. Die Minarette kamen später.

IMG_0350Aber die Statik, die Statik ließ sich auch davon nicht beeindrucken, dass fortan die Böden geschont wurden: Schuhe aus oder draußen bleiben heißt ja die allgemein-moslemische Devise. Bald war das Weltwunder wieder baufällig. Da kam der Sultan auf die entscheidende Idee: Er ließ ein Schweitzer Architektenbüro ran. Seitdem steht das Ding so fest wie meine Vorurteile.

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