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Kafka am Strand

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Immerhin 72 von 90 Lesern bei Amazon finden „Kafka am Strand“ so gut, dass sie diesem Buch 4 oder 5 Sterne geben. Vielleicht spinnen die, die Deutschen. Nein, diesmal nicht, denn in den USA das gleiche Bild: 194 von 272 Lesern sagen „gut“ oder „sehr gut“. Noch überzeugter die Briten: von 117 Lesern vergeben 92 „gut“ oder „sehr gut“, davon die Mehrzahl die höchste Punktzahl.

Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die positiven Besprechungen zu lesen, aber die 560 Seiten von „Kafka am Strand“. Ist mir auch leicht gefallen, denn spannend ist die Geschichte, genauer: sind die Geschichten, denn es handelt sich um zwei Handlungsstränge, die erst am Schluss – wie und wieso eigentlich, habe ich nicht verstanden – zusammengefügt werden.

Zur Sprache will ich mich nicht äußern, vielleicht hat das japanische Original seine Qualitäten. Die deutsche Übersetzung aber klingt nicht immer gut, deswegen hat es, habe ich gelesen, auch Querelen im Verlag gegeben.

Der echte Kafka kommt auch kurz vor, und zwar seine Erzählung „In der Strafkolonie„, die ich gerade gelesen habe. Der Vergleich mit Kafka zeigt aber, was mich an diesem Roman stört: Auch in Kafkas Strafkolonie geht es bekanntlich grausam zu, und das nicht zu knapp. Und trotzdem bleiben diese Schilderungen immer kühl, distanziert. Murakami suhlt sich dagegen wohlig im Ekel. Man überlege mal, wie oft Blut eine Rolle spielt, sogar im Reich der Toten schlürft der Sohn noch das Blut seiner Mutter. Ist aber harmlos: Der Vater des jugendlichen Helden hatte den Tick, auf noch schlagenden Katzenherzen herumzukauen. Welche erzählerische Funktion es haben soll, dass die Soldaten, die den Eingang zur Unterwelt bewachen, dem Helden direkt zweimal erklären, dass man mit dem Bajonett im Gedärme eines zu tötenden Feindes herumwühlen muss, hat sich mir auch nicht erschlossen.

Dazu Fantasy-Elemente, gemixt mir allerlei Esoterik. Wohlwollend könnte man das Märchen-Elemente nennen. Nicht so wohlwollend könnte man denken, Murakami hätte beim Schreiben des Buches direkt die Weiterverwertung als Drehbuch für einen Fantasy-Abenteuer-Film vom Typ „Indiana Jones“ im Kopf gehabt. Da geht es Schlag auf Schlag, drunter und drüber. Es regnet Blutegel vom Himmel, auch mal Makrelen, eine 50jährige Frau erscheint als 15jähriges Mädchen, als Geist natürlich, ein Geist, mit dem man dann doch prima Sex machen kann, ein Stein wird mal leicht, mal schwer; Kinder fallen im Wald ohne Grund in Ohnmacht (den Grund erfährt der Leser auch nie), ein Abgesandter aus irgendeiner Anderswelt, der sein Geld als Zuhälter verdient, erscheint; ein Mann kann zeitweise mit Katzen reden, ein anderer am Schluss auch; der Katzen-Herzen-Esser wird auf eigenen Wunsch umgebracht. Der ihn erdolcht – das Blut fließt wieder in Strömen – hat danach kein Blut an der Kleidung. Dafür jemand anderes, der sich zur Tatzeit ein paar 100 Kilometer entfernt aufgehalten hat. Dann der Zauberwald: Wenn man zu tief in den Wald hineingeht, kommt man in eine Art Vor-Toten-Reich, ein Paradies für Öko-Freaks, denn dort isst man vegetarisch, wohnt in Holzhäusern, holt Wasser vom natürlich kristallklaren Bach. Fernsehen gibt es auch, der Strom für die Kühlschränke wird zu 100% aus Windkraft gewonnen. Die Windräder müssen an einer Stelle stehen, wo immer Wind weht, denn im Ort selbst, so versichert der Autor, rührt sich kein Lüftchen.

Über die immer wieder eingestreuten philosophischen Überlegungen kann ich mich nicht äußern, die habe ich überlesen. Soll ja ein Roman sein, denke ich, keine philosophische Abhandlung. Der Autor scheint das anders zu sehen und lässt eine Prostituierte, die mehrfach als „wahre Sexmaschine“ vorgestellt wird, wörtlich Hegel zitieren.

Egal, ist halt Fantasy, kann man sagen. Dass so viele Menschen sich aber begeistert in eine Welt voller Grausamkeiten und Abartigkeiten begeben, gibt mir zu denken. Ist es denn sooooo langweilig auf der Erde?