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Bücherschau, zweiter Teil

Ohne oder mit nur ganz schlechtem Internet hatte ich unterwegs viel Zeit zum Lesen von ganz normalen Büchern. Hier der zweite Teil meiner Leseliste:

rätsel kafka

Das beste ist der Umschlag, aber der ist auch auch nicht selbst entworfen, sondern eine Fotografie von Dalís „Hummer- oder Aphrodisisches Telefon” (1936). Aber so ganz stimmt das nicht, denn das Beste sind die beiden Geschichten von Franz Kafka, die hier abgedruckt sind. Eine („Blumfeld, ein älterer Junggeselle“) kannte ich noch nicht (irgendwie denke ich immer, ich würde alles von Kafka kennen – und dann taucht da noch was auf …), die andere („Ondradek“) ist bekannter. Wie gut diese Geschichten sind, sieht man unmittelbar, wenn man die anderen in diesem Band versammelten surrealistischen Geschichten liest: Es geht eben nichts über Meister Kafka.

Surreal sind auch die meisten Geschichten in dem dicken Science-Fiction-Sammelband von Heyne. Aber schon die Aufmachung dieser Bände zeigt, dass man dergleichen in Deutschland nicht zur Kultur, auf keinen Fall jedenfalls zur Hochkultur rechnet.

Heyne_Science_Fiction_Jahresband_1980

Das macht mir nichts und so lese ich von Zeit zu Zeit gerne gute Science-Fiction-Literatur. Bei Science-Fiction denken die, die sie nicht lesen, meist nur an irgendwelche Raumfahrtabenteuer oder Sternenkriege. Das ist glücklicherweise nicht so, die Science-Fiction-Literatur, die ich meine, ist überaus kreativ und zugleich nachdenklich machend. So in diesem Band die Geschichte von Robert Silverberg, die das Ende der Welt thematisiert oder die leider sehr kurze Story vom Altmeister Asimov, der humorvoll den Einsatz von Großcomputern in einem Krieg beleuchtet.

Von Robert A. Heinlein, den ich immer gerne lese (unvergleich sein „Fremder in einer fremden Welt“), ist „Der Mann, der den Mond verkaufte“ abgedruckt, weniger eine Geschichte, als ein ganzer Roman:

the man who sold

Eine intelligente Satire nicht auf den Wettlauf zum Mond, sondern auf kapitalistische Vermarktungs-Strategien, mithin immer noch lesenswert, auch wenn der Autor sich 1950 die erste Reise zum Mond doch etwas anders vorgestellt hat, als sie sich dann tatsächlich abgespielt hat. Aber auch das ist nicht ohne Reiz: Zu sehen, wie Heinlein bei seinen technischen Prognosen teilweise daneben gelegen hat, teilweise aber auch ins Schwarze getroffen hat.

Marcel Reich-Ranicki hat wahrscheinlich keine Science-Fiction-Literatur gelesen, er hat sich ja auch weitgehend auf deutschsprachige Literatur beschränkt. Ein buch eines deutschsprachigen SF-Autors habe ich auch angelesen, aber weggelegt: Nämlich „Zarathustra kehrt zurück“ von Herbert W. Franke, der einer der besten deutschen Autoren sein soll. Vielleicht ein Vorurteil von mir, vielleicht Zufall: Aber ist es nicht typisch für die Deutschen und die deutsche Literatur, dass sich Herbert W. Franke die Zukunft offenbar nur als eine Kette von Katastrophen vorstellen kann?

Nun hat es ja im Deutschland des 20. Jahrhundert wahrlich genug Katastrophen gegeben und Marcel Reich-Ranicki war mittendrin:

Marcel Reich Ranicki Mein Leben

Seine Autobiografie habe ich mit Skepsis angefangen, aber nach den ersten paar Seiten kaum noch aus der Hand gelegt. Nicht nur weil sie verdammt gut geschrieben ist, sondern weil sein Leben in Berlin, im Warschauer Ghetto, die Flucht, sein Überleben im Versteck einfach, wie soll ich sagen, berührt.

Und sein Wirken als Literaturkritiker in der Bundesrepublik ist für literarisch Interessierte auch Pflichtlektüre. Dass ich das erst jetzt gemerkt habe, ist eigentlich eine Schande.

Kafka: Amerika

kafka_amerika

Es geht in diesem Roman – mit dem ich eine weitere Kafka-Bildungslücke (die letzte?) geschlossen habe – nicht um Amerika. Das real existierende Land hat Kafka nie gesehen, nur anhand eines Buches hat er sich etwas informiert. Amerika ist für Kafka nur eine Chiffre – ein fernes Land, ein anderes Land, ein dunkles Land. Erst ganz am Schluss erfährt der Leser, dass er sich nicht ein einem dunklen Kleinstaat, der mit Häusern, Autos, Hotels und Industrie vollgestopft ist, befindet. Das Land kommt wahrlich nicht gut weg, aber wenn Kafka überhaupt an sozialen oder politischen Zuständen Kritik üben wollte, dann kritisiert er die Welt der Moderne.

Mir scheint allerdings, dass Kafka nur den Schauplatz ausgetauscht hat. Da gibt es die gleichen labyrinthischen Gebäude wie in den anderen Romanen, wieder laufen Massen von arbeitenden Menschen herum, deren Tätigkeiten sich dem Außenstehenden nur schlecht erschließen. Es geht, wie immer bei Kafka, um Vater- und Mutterfiguren, um die Schuld, in die sich jemand verstrickt, ohne es zu wollen, um fatale Zusammenhänge und Machtstrukturen, die dem Menschen nicht zugänglich und nicht verständlich sind.

Das letzte Kapitel dieses unvollendeten Romans ist dann ganz großes surrealistisches Kino: Ein Stadion, in dem die Arbeitssuchenden von auf hohen Podesten stehenden Engeln empfangen werden, die Fanfaren blasen. Manchmal, so erfahren wir, werden die Engel von Teufeln abgelöst.

Postkarte, die Kafka 2011 aus Versailles an seine Schwester geschrieben hat

Postkarte, die Kafka 1911 aus Versailles an seine Schwester geschrieben hat

Kafka am Strand

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Immerhin 72 von 90 Lesern bei Amazon finden „Kafka am Strand“ so gut, dass sie diesem Buch 4 oder 5 Sterne geben. Vielleicht spinnen die, die Deutschen. Nein, diesmal nicht, denn in den USA das gleiche Bild: 194 von 272 Lesern sagen „gut“ oder „sehr gut“. Noch überzeugter die Briten: von 117 Lesern vergeben 92 „gut“ oder „sehr gut“, davon die Mehrzahl die höchste Punktzahl.

Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die positiven Besprechungen zu lesen, aber die 560 Seiten von „Kafka am Strand“. Ist mir auch leicht gefallen, denn spannend ist die Geschichte, genauer: sind die Geschichten, denn es handelt sich um zwei Handlungsstränge, die erst am Schluss – wie und wieso eigentlich, habe ich nicht verstanden – zusammengefügt werden.

Zur Sprache will ich mich nicht äußern, vielleicht hat das japanische Original seine Qualitäten. Die deutsche Übersetzung aber klingt nicht immer gut, deswegen hat es, habe ich gelesen, auch Querelen im Verlag gegeben.

Der echte Kafka kommt auch kurz vor, und zwar seine Erzählung „In der Strafkolonie„, die ich gerade gelesen habe. Der Vergleich mit Kafka zeigt aber, was mich an diesem Roman stört: Auch in Kafkas Strafkolonie geht es bekanntlich grausam zu, und das nicht zu knapp. Und trotzdem bleiben diese Schilderungen immer kühl, distanziert. Murakami suhlt sich dagegen wohlig im Ekel. Man überlege mal, wie oft Blut eine Rolle spielt, sogar im Reich der Toten schlürft der Sohn noch das Blut seiner Mutter. Ist aber harmlos: Der Vater des jugendlichen Helden hatte den Tick, auf noch schlagenden Katzenherzen herumzukauen. Welche erzählerische Funktion es haben soll, dass die Soldaten, die den Eingang zur Unterwelt bewachen, dem Helden direkt zweimal erklären, dass man mit dem Bajonett im Gedärme eines zu tötenden Feindes herumwühlen muss, hat sich mir auch nicht erschlossen.

Dazu Fantasy-Elemente, gemixt mir allerlei Esoterik. Wohlwollend könnte man das Märchen-Elemente nennen. Nicht so wohlwollend könnte man denken, Murakami hätte beim Schreiben des Buches direkt die Weiterverwertung als Drehbuch für einen Fantasy-Abenteuer-Film vom Typ „Indiana Jones“ im Kopf gehabt. Da geht es Schlag auf Schlag, drunter und drüber. Es regnet Blutegel vom Himmel, auch mal Makrelen, eine 50jährige Frau erscheint als 15jähriges Mädchen, als Geist natürlich, ein Geist, mit dem man dann doch prima Sex machen kann, ein Stein wird mal leicht, mal schwer; Kinder fallen im Wald ohne Grund in Ohnmacht (den Grund erfährt der Leser auch nie), ein Abgesandter aus irgendeiner Anderswelt, der sein Geld als Zuhälter verdient, erscheint; ein Mann kann zeitweise mit Katzen reden, ein anderer am Schluss auch; der Katzen-Herzen-Esser wird auf eigenen Wunsch umgebracht. Der ihn erdolcht – das Blut fließt wieder in Strömen – hat danach kein Blut an der Kleidung. Dafür jemand anderes, der sich zur Tatzeit ein paar 100 Kilometer entfernt aufgehalten hat. Dann der Zauberwald: Wenn man zu tief in den Wald hineingeht, kommt man in eine Art Vor-Toten-Reich, ein Paradies für Öko-Freaks, denn dort isst man vegetarisch, wohnt in Holzhäusern, holt Wasser vom natürlich kristallklaren Bach. Fernsehen gibt es auch, der Strom für die Kühlschränke wird zu 100% aus Windkraft gewonnen. Die Windräder müssen an einer Stelle stehen, wo immer Wind weht, denn im Ort selbst, so versichert der Autor, rührt sich kein Lüftchen.

Über die immer wieder eingestreuten philosophischen Überlegungen kann ich mich nicht äußern, die habe ich überlesen. Soll ja ein Roman sein, denke ich, keine philosophische Abhandlung. Der Autor scheint das anders zu sehen und lässt eine Prostituierte, die mehrfach als „wahre Sexmaschine“ vorgestellt wird, wörtlich Hegel zitieren.

Egal, ist halt Fantasy, kann man sagen. Dass so viele Menschen sich aber begeistert in eine Welt voller Grausamkeiten und Abartigkeiten begeben, gibt mir zu denken. Ist es denn sooooo langweilig auf der Erde?