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Kunst? Kann trotzdem weg! Nebst einer Erinnerung an Jakob Riffeler


Der alte Eigentümer ist verstorben, der neue lässt das Haus umgestalten. Glasermeister war der frühere Eigentümer von Beruf, das Haus ist nach seinen Wünschen gebaut worden. Loftartig: das ganze Haus besteht aus einem dachhohen Raum, auf der Empore Schlafzimmer mit Durchgang zum Badezimmer. Der große Raum ist von der Doppelgarage nur durch eine riesige, vom Dach bis zum Boden reichende Glaswand abgetrennt, damit man vom Sofa aus freien Blick auf die beiden Ferraris hatte, die in der Doppelgarage standen. War wohl ein erfolgreicher Glasermeister und deshalb ließ er die Front zur Strasse hin, die auf dem Bild sichtbar ist, auch nicht einfach mit Baumarkt-Elementen gestalten.

Da, wo jetzt ein weißes Blindfenster zu sehen ist, hatte er von einem Kunstglaser ein Fenster gestalten lassen, weshalb das Haus immer etwas wie eine Kapelle ausgesehen hat. Hat dem neuen Eigentümer wohl nicht gefallen. Ab in den Container.

Dann kam die Haustür dran. Die alte Türanlage hatte der Vorbesitzer bei einem Metallbildhauer aus dem Nachbardorf in Auftrag gegeben, bei Jakob Riffeler. Gut, den muss man nicht unbedingt kennen, er hat aber immerhin einen umfangreichen Wikipedia-Eintrag (https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Riffeler). Ein kleines Stück der Arbeit von Jakob Riffeler ist noch zu sehen:

Dass er die Tür von Jakob Riffeler entsorgt hat, hat mich schon schon etwas berührt, nicht nur, weil es schade um diese sorgfältig gearbeitete (und übrigens auch teure) Tür ist, sondern weil Jakob Riffeler ein alter Bekannter von mir gewesen ist.

Ich hatte ihn in den 60er Jahren im Segelclub kennen gelernt. Wer ihn kannte, kann sich nicht vorstellen, dass er gesegelt ist. Er ist auch nie gesegelt, aber seine Söhne und Töchter (insgesamt 6), die in meinem Alter sind. Und wenn irgendwo eine Auswärtsregatta war, dann nahm er seinen VW-Bus (nicht etwa einen Camping-Bus, sondern seinen Werkstattwagen), hängte einen Bootsanhänger mit zwei Booten dran und fuhr los. Manchmal bin ich auch mitgefahren. So lernte ich z.B. als 17jähriger Paris kennen.
Für die Fahrt von Köln nach Paris brauchten wir mindestens 10 Stunden, denn Jakob Riffeler ließ es sich nicht nehmen, verschiedene Kirchen und Kunstdenkmäler auf der Strecke mit der ihm eigenen Ruhe und Gründlichkeit zu besichtigen. Seinen jugendlichen Mitfahrern, also auch mir, ging das schrecklich auf den Keks. Nach Paris wollten wir, möglichst schnell, und nicht vorher durch die nordfranzösische Provinz auf der Suche nach irgendwelchen alten Kirchen schaukeln. Besonders lange blieben wir bei der Kathedrale von Laon. Heute bin ich dem alten Riffeler, wie wir ihn nannten, dankbar, dass ich die Kathedrale von Laon besichtigen durfte, als sie noch eine nicht besonders gepflegte, aber sehr eindrucksvolle Kirche gewesen ist und kein frequentiertes Touristenziel.
In Paris (genauer einem Vorort, wo es einen winzigen See gab) angekommen, wurden schnell die Zelte aufgebaut, dann fuhr Jakob Riffeler mit uns in die Stadt.
Es wurde schon dunkel, wir hatten weder einen Reiseführer noch einen Stadtplan dabei, aber er fuhr seelenruhig durch das Gewühl, vertraute darauf, dass er schon mal da gewesen war. Ab und zu gab es ja auch ein Schild: Opera – prima, da fahren wir hin. Der Eiffelturm, die großen Plätze, der Triumphbogen, alles zog vorbei. Ich staunte und war beeindruckt, obwohl ich doch nur zum Segeln nach Paris gekommen war und obwohl ich mich damals mehr für ein gutes Bier als für Kunst und Architektur begeisterte. Am Montmartre stiegen wir aus, der Alte schaute, ob die Kirche noch offen war, wir verabschiedeten uns auf der Suche nach einem Bier. Was er mit einer gewissen traurigen Güte geschehen ließ. Am nächsten Tag sind wir gesegelt, er kochte für uns alle, kümmerte sich ohne Aufhebens um alles, ohne Aufregung, ohne Geschrei.
Wir sind nochmals zusammen nach Paris gefahren, auch zum Möhnesee, nach Travemünde, zum Rursee. Schöne Fahrten, schöne Zeiten. Und falls ich mich damals nicht genügend bei ihm bedankt habe, so will ich das jetzt nachholen.

Zwischen Karfreitag und Ostern

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Bei dem Gemälde handelt es sich um ein Frühwerk von Hermann Nitsch, es heißt „Kreuzigung (nach Rembrandt)“. Wer wissen will, was Nitsch, dessen „Orgien- und Mysterientheater“ viele für blasphemisch halten, von Religion hält, mag das in diesem Interview nachlesen: http://www.spikeartmagazine.com/de/artikel/hermann-nitsch-im-gesprach-mit-piotr-uklanski

Ostern ist ja erst morgen, auch wenn das offenbar selbst die örtlichen Messdiener nicht mehr wissen. Die kamen nämlich gestern, am Karfreitag, an die Haustür, um Geld für ihre Sommerfahrt zu sammeln. Und sprachen zur Begrüßung im Chor: „Frohe Ostern!“

 

Der Horror lockt (Tim Burton)

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Ob noch viele in der Ausstellung waren, die gar nicht wussten, worum es geht, weil sie nicht wussten, wer dieser Tim Burton eigentlich ist? Ich hatte den Namen noch nie gehört, muss aber – das wurde mir schlagartig klar, als ich die lange Schlange an der Kasse sah – irgendwie einer Randgruppe angehören.

Ein Filmemacher, erfuhr ich dann bald, ein erfolgreicher Filmemacher, dessen Schwerpunkt der Horror zu sein scheint. In der Ausstellung hängen viele, viele Vorzeichnungen zu seinen Filmen. Ein guter Zeichner, zweifellos. Sympathischerweise sagt Burton selbst, dass es sich bei diesen Werken nicht um „große Kunst“ handele.  Wie dem auch sei:

Das Positive scheint mir zu sein, dass ich noch nie so viele junge Leute in einem Museum gesehen habe. Das Negative: Dass sie alle wegen des Horrors gekommen sind.