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Gilot / Lake: Leben mit Picasso

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Ohne Buch in Urlaub gefahren – nun, tagsüber gab es ja genug zu tun, aber im Herbst sind die Abende lang. Da fand sich zum Glück im Reisegepäck der Begleiterin ein Buch über Picasso.

Interessant, weil nicht nur alle möglichen und unmöglichen Anekdoten aus dem Leben des großen Meisters erzählt werden. Francoise Gilot, die ein paar Jahre mit dem viel älteren Picasso zusammen gelebt hat, berichtet nicht nur vom Beziehungsstress und den, sagen wir mal, Eigenarten des Meisters, sondern referiert auch zahlreiche Äußerungen Picassos zur Kunst im Allgemeinen und zu seinen Produkten im Besonderen.

In dem erwähnten Reisegepäck fand sich noch ein zweites Buch über Picasso, von einer Enkelin, wenn ich mich recht erinnere. Das war mir aber zu selbstmitleidig.  Picasso hatte wie alle, die sich nicht nach dem Frühstück ins Büro verabschieden, sondern zu Hause arbeiten, das Problem, seinen Freiraum zu ungestörter und konzentrierter Arbeit zu bewahren. Und wenn man dann noch eine größere Patchwork-Familie hat, wie soll man dann verhindern, dass das 2. Kind aus der 4. Beziehung weniger Zuwendung bekommt als das 3. Kind aus der 1. Beziehung; wie damit umgehen, dass die dritte Ex-Frau eifersüchtig darauf ist, dass Picasso, der Kinder wegen, den Sonntag mit der vierten Ex-Frau und den gemeinsamen Kindern aus dieser Beziehung verbringt? Man sieht, so ein armer Patchwork-Patriarch hat es nicht leicht.

Picasso und die Friedenstaube (7)

Die kleine Serie zur Symbolik der Taube

(ältere Teile hier, hier, hier, hier, hier und hier)

ist noch nicht beendet, heute der vorletzte Teil:

Die Friedenstaube ist vielleicht Picassos bekanntestes Werk, sicher aber sein am meisten vervielfältigtes. Picasso hat öfters Tauben gemalt und gezeichnet, schon als junger Mann, am bekanntesten ist wohl dieses “Mädchen mit Taube” von 1901, von dem ich nur einen kleinen Ausschnitt zeige – in der Hoffnung, dass Picassos Erben mich verschonen mögen. Das 1911 gemalte “Taube mit Erbsen” ist nicht so berühmt, weil kubistisch.

Er konnte Tauben schon als Kind tagaus tagein studieren, denn sein Vater hatte in seinem Haus in Malaga eine Taubenzucht unter dem Dach.

Später hatte er selbst Tauben, nämlich ein paar weiße Tauben, die ihm Matisse geschenkt hat, der, wie dieses herrliche Foto von Bresson zeigt, selbst ein Taubenliebhaber gewesen ist:

Irgendwann Anfang 1949 kam Louis Aragon – wie Picasso Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs – zu seinem Freund Picasso, weil er ein Motiv für den “Pariser Weltfriedenskongreß” gesucht hat. Dieser von den Kommunisten organisierte “Friedenskongreß” hatte mit Frieden ungefähr so viel zu tun wie die Deutsche Demokratische Republik mit Demokratie. Eine reine Propaganda-Veranstaltung, geplant von Stalins KGB. In Wirklichkeit ging es den kommunistischen Friedensengeln darum, die Gründung der NATO zu verhindern, wie dieses Plakat sehr schön zeigt.

Aragon jedenfalls blätterte in Picassos neueren Werken und fand eine Lithografie, die eine weiße Taube vor nachtschwarzem Hintergrund zeigte. Die beiden Kommunisten kannten die Bibel besser als der heutige Durchschnitts-Konsumist: Die Taube, das alte Symbol des Einklangs und der positiven Energie, das Symbol der Turtelei und des guten Geistes – war das nicht ein ideales Friedenssymbol auch für die, die einen heiligen Geist strikt leugneten?
Picasso setzte sich also hin und entwickelte aus der vorliegenden Lithografie jene Umrisszeichnung, die zum Friedens-Label geworden ist.  Der Doktrin des sozialistischen Realismus entsprach dieses Werk nicht so recht, aber die Parteileitung drückte um des Propaganda-Effektes willen beide Augen zu: Schaut her, wie weltoffen wir sind.

Das war nicht das einzige Mal, dass Picasso sich für die kommunistische Propaganda einspannen ließ.  1951 entwirft er ein Einstecktuch für das “Weltfestival der Jugend und Studenten für den Frieden” in Ostberlin, wieder darf die Taube nicht fehlen.

1953 endlich erreicht Picassos Engagement für den Stalinismus seinen Höhepunkt. Wieder ist es Aragon, der in auffordert, etwas zu einer Sonderausgabe der Parteizeitung der KPF anlässlich Stalins Tod beizutragen. Picasso zeichnet ein Stalin-Portrait, Aragon schreibt den lobhudelnden Leitartikel – während ein Teil der KPF versuchte, das Erscheinen dieses Lobliedes auf den Massenmörder Stalin, der bekanntlich auch Parteigenossen gerne an die Wand stellen ließ, zu verhindern.

Das Stalin-Portrait wird selten gezeigt oder abgebildet. Noch seltener findet man irgendwo diese Zeichnung Picassos, die ich zuerst für eine Fälschung gehalten habe, man kann die Zusammenhänge aber hier nachlesen.

Luftratten, Friedensvögel, Heiliger Geist (1)

„La Paloma, ade/ auf Matrosen, ohé!“ – eine Lied, dass ich aus meiner Kindheit gut im Ohr habe. Um Möwen geht es dabei, habe ich immer gedacht. Die Leute, die das oben abgebildete Plattencover entworfen haben auch. Möwen sind der Vogel des Seemanns, weiß doch jedes Kind.

Aber man lernt ja dazu im Laufe seines Lebens,  z.B. so viel Spanisch, dass man erstaunt erfährt, dass „La Paloma“ die Taube ist.  Am schönen Lac D’Hourtin habe dann gelernt, dass man die Taube im gebratenen Zustand auch essen kann. Pigeon en cocotte, hörte sich gut an. War aber nicht viel dran, kaum zum satt essen, selbst wenn man die Knochen mitgegessen hat. Geschieht einem recht, wenn man das billigste Menü bestellt.  Als Gartenbesitzer habe ich dann gelernt, dass Tauben hungrige Vögel sind, die Kirschen und Beeren abgefressen, was sie aber nicht wirklich von den Amseln unterscheidet.

Der Vogel wiederum, der in manchen frommen Bildern auf Jesus herabschwebt – oben sehen Sie eine erfrischend unprüde Version des Künstlers Ulrich Leive mit einer Taube im Sturzflug – hatte für mich ebensowenig wie die drei Vögel, die Picasso als Friedenssymbol entworfen hat, irgend etwas mit den graublauen Tieren zu tun, die regelmäßig auf Nachbars Tanne rumgurren.  Fein gerahmt sehen Picassos Tauben übrigens so aus:

So hat mich die Welt der diversen Tauben nicht so sehr beschäftigt, bis ich in Klausbernd Vollmars Blog die Formulierung las:  „Tauben, die Ratten der Lüfte“. Hm, hm. Wie wird aus dem Kirschen klauenden und die Markusplätze dieser Welt vollscheissenden grauen Gurrvieh ein Symbol für den  Frieden und den  Heiligen Geist? Eine Frage, die, wie sich bald zeigte, gar nicht so schnell & einfach zu beantworten ist. Und weil Blogger nicht gerne viel Text lesen, wird die Antwort auf mehrere Folgen verteilt.