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Stierkampf

Vor gut einem Jahr, ich erinnere mich noch genau, hat unser Nachbar, der Herr Ruiz Rojo, auf einem der asturischen Viehmärkte nach langem Abwägen und Vergleichen einen anderthalbjährigen Stier gekauft, natürlich einen rassereinen asturischen Stier, der ungefähr so aussieht:

Asturischer Stier - Foto von Jorge Caldevilla

Asturischer Stier – Foto von Jorge Caldevilla

Er hatte mir damals das Tier vorgeführt und mich auf das Hinterteil hingewiesen. Ein herrliches Hinterteil, breit und fleischig, viele fleischige Nachkommen versprechend. Aber der Schönling hat sich nicht bewährt. Nicht dass es ihm an Potenz gemangelt hätte. Er hat seine Aufgabe stets prompt erledigt und eine Menge Nachwuchs gezeugt, lauter gesunde, rassereine und lebensfrohe asturische Kälber. Aber eins ist ihm nicht gelungen, beklagte sein Besitzer: Das Merkmal zu vererben, wegen dem er angeschafft worden war. Die Kälber erwiesen sich als zur Fleischproduktion wenig geeignet und erzielten keinen guten Preise.

Es galt, nicht länger zu warten. Ein dreijähriger Bulle ist noch eine Menge Geld wert, vor allem,  wenn er so ein prächtiges Hinterteil hat. Den Rest brauchte man dem Käufer ja nicht zu erzählen. Da der Herr Ruiz Rojo sich seinen guten Ruf bei den Bauern nicht verderben wollte, verkaufte er nicht an einen anderen Viehzüchter, sondern an einen Viehändler. Der kam mit seinem Range Rover angerauscht und nach kurzem Palaver einigte man sich auf einen guten Preis, am nächsten Tag schon sollte der Stier abgeholt werden.

Schon am frühen Vormittag holte der Nachbar den Stier von seiner Weide und trieb ihn bergauf zu einem seiner Kuhställe. Allerdings nicht alleine, sondern mit Hilfe seiner Frau, denn Stiere sind bekanntlich Tiere, die sich nicht so einfach führen lassen wie Kühe. Aber diesmal trottete der Stier friedlich den ihm wohlbekannten Weg zum Stall und wurde in eine Art Pferch gesperrt, einen etwa 10 x 15 Meter großen Platz mit einer Tränke, der ringsum von hohen Steinmauern umgeben ist.

Nachmittags kam ein silbergrauer Pickup mit einem ebenfalls silbergrauen geschlossenen Viehanhänger, der aussah wie ein Pferdetransporter, aber deutliche Spuren von Hufen und Hörnern hatte, den Berg hinauf gefahren, aus dem zwei junge Männer stiegen, die Gehilfen des Viehhändlers. Wir tranken gerade unseren Nachmittagskaffee und konnten von unseren Liegestühlen aus das Ganze gut überblicken. Der Hund konnte wegen der Steinmauern nichts sehen und setzte seinen Mittagsschlaf fort.

Der Anhänger wurde rückwärts genau in das Tor zu dem Pferch platziert, eine fahrerisch sehr anspruchsvolle Aufgabe, die ich gebührend bewunderte. Der Nachbar führte seinen Stier mit gutem Zureden langsam zum Anhänger, die beiden Männer guckten gelangweilt zu, hatten aber doch beide je einen kräftigen Stock in der Hand. Der Stier war schon zur Hälfte im Anhänger, bewegte sich aber nur ganz langsam, so dass einer der Burschen laut „Venga!“ rief – was man zu Kühen halt so sagt in Asturien, wenn sie weiter laufen sollen.  Da sprang unser Hund auf und bellte kurz, aber sehr kräftig. Das wiederum kam dem Stier wohl komisch vor und er blieb stehen, worauf er einige kräftige Stockhiebe auf das schöne Hinterteil bekam. Da wurde es ihm wohl zu bunt. Er ging los, aber rückwärts, bis er wieder draußen war, nahm kurz Anlauf und sprang in einem nicht uneleganten Satz über die brusthohe Steinmauer auf die Wiese hinter unserem Haus.

Foto: Wikipedia

Foto: Wikipedia

Dass Stiere so gut springen können! Das gab mir doch zu denken, denn ich hatte keine Lust, vom interessierten Beobachter zum Mitspieler zu werden. Zwar trennten den Stier noch zwei Zäune von unseren Liegestühlen, aber nur niedrige Stacheldrahtzäune mit morschen Pfählen, kein Problem für einen übel gelaunten und sprungkräftigen Stier. Ich beschloss also, mit dem Hund ins Haus zu gehen, um den Abwasch zu erledigen. Die Gattin sagte etwas wie „Du Angsthase“ und folgte mir nach. Der Abwasch war schnell erledigt, denn das Kaffee-Geschirr hatten wir in der Eile draußen stehen lassen. Der letzte Löffel war noch nicht abgetrocknet, da hörte ich, wie die Tür des Vieh-Anhängers zugeworfen und der Motor angelassen wurde. Die Luft ist rein, dacht ich und ging neugierig hinaus. Aber noch war der Anhänger leer. Der Fahrer versuchte nur, ihn rückwärts möglichst nahe vor die Eingangstür zum Stall zu bugsieren, was ihm dank seiner schon erwähnten Fahrkünste beim dritten Versuch auch gelang.

Der Stier, schloss ich, hatte sich in den Stall begeben, in dem dunklen und ihm wohlbekannten Raum fühlte er sich offenbar sicher. Der Nachbar ging herein und führte den Stier langsam zum Anhänger. Ob das Tier keine Lust mehr hatte und sich deshalb in sein Schicksal ergab oder ob ihm der Übergang vom dunklen Stall in den dunklen Hänger weniger unheimlich vorkam – er trottete brav in den Hänger, die Tür wurde zugeschlagen und verriegelt. Frauen wären sich jetzt vor Freude um den Hals gefallen, aber die Cowboys blieben cool, zogen ein Bündel mit Geldscheinen aus der Tasche, welches sie dem Nachbarn aushändigten, dem das verschwitzte Arbeitshemd auf dem Bauch klebte.

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asturisch

 

Asturische Almwirtschaft

Im Morgengrauen, wenn Urlauber wie ich aus dem Fenster blicken, um befriedigt festzustellen, dass es erstens wieder einen sonnigen Tag geben wird und es zweitens keinen Grund gibt, das Bett schon jetzt zu verlassen, steigen zwei, manchmal auch drei Männer aus ihrem Auto, das sie vor dem Wendehammer in La Molina geparkt haben. Dort endet die Straße. Ein oder zwei Hunde springen noch aus dem Auto, wedeln mit dem Schwanz, weil sie sich auf einen Spaziergang freuen. Die dummen Viecher wissen nicht, dass es nicht darum geht, “Gassi” zu gehen, sondern dass sie zum Arbeitseinsatz mitgenommen werden und dass 800 Meter Höhenunterschied auf sie warten.

Das folgende Video stammt aus dem Netz, keine besonders gute Qualität, aber es zeigt ganz gut, wie der Weg nach oben aussieht:

In der Frühe ist es noch angenehm kühl. Zuerst geht es ein wenig am Rio Casano entlang, dann steil bergauf, immer bergauf. Bald ist die letzte Baumgruppe erreicht, danach ist Schatten Mangelware. Doch bis die Sonne hinter den Bergen aufgeht, sind Männer und Hunde schon so hoch, dass sie in der Ferne das Meer sehen können, oft genug aber auch nur Nebelbänke.

Der Weg ist eng, in schlechtem Zustand. Das erste Fünftel konnte man früher mit Ochsengespannen befahren, aber wiel sich schon lange niemand mehr um den Zustand kümmert, kommt man inzwischen nicht einmal mit einem Traktor hier herauf.

Nach drei Stunden Anstieg ist der “Puerto” erreicht; eine mit Gras überwachsene, relativ ebene weite Fläche in über 1000 Metern Höhe, die als Sommerweide dient, eine Alm, würde man bei uns sagen. Zum Zeichen, dass sie oben angekommen sind, zünden die Männer ein paar Grasbüschel oder Stechginsterbüsche an. Heute hat zwar jeder sein Handy in der Tasche, aber das mit dem Rauchzeichen ist Tradition.

Auf dem Puerto verbringen mehrere 100 Kühe aus den umliegenden Dörfern den Sommer, laufen frei herum, fressen nichts als Gras, vermischen und vermehren sich. Und wenn die Kühe im Oktober heruntergetrieben werden, haben die Kälber fast noch nie einen Menschen gesehen.

Früher war das anders. Da lebten den Sommer eine ganze Menge Menschen auf der Alm. Etwa 30 Hütten sind noch zu sehen.Die Leute kümmerten sich um die Kühe, molken sie mit der Hand und stellten den begehrten Bergkäse her, den die jungen Burschen aus den Dörfern dann auf dem Rücken ins Tal schleppten. 40 – 50 Jahre ist das her.

Man stelle sich das Leben oben auf dem Berg nicht zu romantisch vor. Nicht einmal die gute Aussicht hat man sicher. Denn wenn unten am Strand die Urlauber im Sand liegen und zueinander sagen: “Herrliches Wetter, nur oben in den Bergen ein paar Wolken” – dann stecken Kühe und Almbewohner in dichtem Nebel, dann steigt auch im Hochsommer das Thermometer tagelang nicht über 10 oder 12 Grad. Der letzte, der dort oben den Sommer verbracht hat, Pancho aus La Molina, hat 2002 aufgehört. Ich habe noch gesehen, wie alle paar Tage sein Sohn mit einem schwarzen Hengst den Berg hinauf stieg, in den Packtaschen Verpflegung für den Vater. Ein strammer Bursch, der oftmals mit nacktem Oberkörper in schier unglaublicher Geschwindigkeit bergan stürmte. Der Schwarm aller Frauen? Ach, er verliebte sich, so erzählt man, in eine Prostituierte, die seine Spendierfreudigkeit mit allerlei Versprechungen beflügelte. Als er kein Geld mehr hatte und die Geliebte ihn abwies, hängte er sich auf. Vater Pancho gab die Almwirtscahft auf und züchtet seitdem im Tal Esel und Ziegen. Der schwarze Hangst hat noch lange auf seiner Wiese gestanden und sein Gnadengras gefressen.

Heutzutage geht nur noch alle zwei Tage jemand rauf zum Puerto, um nach dem Rechten zu gehen. Ab und zu stürzt eine Kuh ab, dann freuen sich die Geier. Mitte Oktober müssen alle Kühe runter zur obligatorischen Impfung. Und weil der Amtsveterinär – neuerdings eine Amtsveterinärin – nur an Stellen impft, die sie mit ihrem Geländewagen erreichen kann, müssen die Kühe halt ins Dorf, auch wenn es in guten Jahren oben noch genug zu fressen gibt.

Der eigentliche Abtrieb geht recht flott voran, schließlich sind die Kühe der Berge gewöhnt und entsprechend geländegängig. Zuerst aber muss man in dem weiten Gelände seine eigenen Kühe finden und zu einer Herde von etwa 20 – 30 Tieren zusammentreiben; eine Tätigkeit, bei der die Hunde zum Einsatz kommen. Zuerst trotten die Kühe brav los, aber bald sehen sie nicht ein, weshalb sie weiter gehen sollen und bleiben überall stehen, wo es nach Gras riecht. Andere schlagen sich schnell seitwärts in die Büsche, worauf Hunde und Menschen mit lautem Geschrei und Gebelle herumrennen. Das ständige Geschrei scheint überhaupt sehr wichtig zu sein, offenbar hören Kühe nicht gut. Zu wild darf man sie aber auch nicht mit Stockschlägen traktieren, dann gerät die Herde in Panik und stürzt sich im Galopp den steilen Hang hinunter.

Nach etwa vier Stunden – die Sonne brennt inzwischen ordentlich vom Himmel – ist es geschafft. Die Kühe werden an die Tränke geführt, dann auf irgendeine Wiese im Tal getrieben. Anschließend gehen auch die Menschen dazu über, Nahrungsmittel- und Flüssigkeitsmangel auszugleichen – letzteres gerne in La Rampa, der Bar des Ortes.

Brandstifter (Asturische Lernprozesse 3)

Waldbrände, ganze Landstriche verwüstet, verkohlt. Vermutliche Ursache: Brandstiftung. Oft, wenn ich dergleichen in den Nachrichten gesehen habe, habe ich gedacht: Was müssen das für Typen sein, die irgendeine Befriedigung darin finden, Feuer zu legen und Flora und Faune zu zerstören. Psychisch Gestörte, gewiss.
Jetzt kenne ich mehrere Brandstifter, einen sogar recht gut, und ich kann versichern: Psychisch gestört ist er nicht, nicht einmal Spaß mach ihm das Feuerlegen.

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Da kommen die Feuer schon nahe an unsere Wiese heran

Die Feuer sind nötig, so sagt er, um die Bergweiden zu „reinigen“ – limpiar, genau das gleiche Wort, das für das Saubermachen in der Küche verwendet. Was weg muss, nennt er folglich porquería – Dreck, Sauerei. Die „Sauerei“ besteht vor allem in Stechginster, Brombeergestrüpp und Farn, oft in inniger Symbiose wachsend, so dass das Gras keine Chance hat. Man stelle sich das, was da auf den weiten Hängen gedeiht, nicht zu mickrig vor. Der Farn wird so hoch, dass die Kühe darin versinken, der Stechginster bildet mehr als mannshohe Büsche. Man spricht oft von der drohenden „Verbuschung“, ein Wort, das suggeriert, es würden da nur Büsche wachsen. Aber weil das Ganze, garniert mit Brombeerranken, eine stachlige Angelegenheit ist, an der weder Kühe noch Pferde, nicht einmal die hartgesottenen Bergziegen knabbern, können sich mitten im Gestrüpp Bäume entwickeln. Eschen, Ahorn, Eichen, Haselnuss, Esskastanie. Ungeschützt haben die Bäume keine Chance, dafür schmecken die jungen Triebe zu gut. Einfach wachsen lassen wäre also ein Wiederaufforstungsprogramm, mit dem die weithin kahlen Hügel und Berge Nordspaniens wieder bewaldet werden könnten. Der Begriff „Verbuschung“ ist einfach falsch, worum es wirklich geht, kann man sich etwa hier ansehen (ahttp://www.thueringen.de/imperia/md/content/thueringenagrar/zahlstelle/2010/mb_buschfl.pdf).

"saubere" Wiese

„Saubere“ Wiese

Der brandstiftende Viehzüchter hält die Wiederbewaldung für keine gute Idee. Denn kaum ist die Fläche abgebrannt, sprießt aus der Asche das beste Gras. Zum Glück oder – je nach Standpunkt – leider treiben Stechginster, Farn und Brombeeren aus den Wurzeln wieder aus. Nach 3 – 4 Jahr muss wieder jemand ran, der die Flächen in Brand steckt.

Diese Art von Brandstiftung, das habe ich im Laufe der Jahre gelernt, gehört zu den aussterbenden Kunstfertigkeiten. Nur die Alten machen es noch, nur die Alten wissen, an welchen Stellen man bei welcher Wetterlage in welcher Jahreszeit und bei welcher Windrichtung Feuer legen muss. Schließlich – das ist der Stolz des Brandstifters – soll der Hang ordentlich abbrennen, und zwar nur ein Hang, nicht der ganze Landstrich.

Feuer hoch oben auf der "Alm"

Feuer hoch oben auf der „Alm“

Neuerdings kommt noch etwas dazu, was die Kunst des Abbrennens enorm erschwert: Die Feuerwehr. Das beste Gegenmittel sind Nacht und Nebel, dann steigen die Hubschrauber der Brandwacht nicht auf. Mit Feuerwehrautos kommt man im Gelände nicht weit.

An wolkenlosen Tagen zeigt die fliegende Feuerwehr schon mal, was sie kann. Dann löschen sie spektakulär mit aus der Luft abgeworfenen Wasserbomben einen Brand. Aber irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass die Feuerwehrleute Söhne von Viehzüchtern sind, die oft beide Augen zudrücken.

Wie anders soll es auch gehen? Wenn man die sowieso nur durch Subventionen am Leben erhaltene Tierzucht in den Bergen will, dann muss man dafür sorgen, dass die Bergwiesen „sauber“ bleiben. Wo werden die Tiere schon so artgerecht gehalten wie auf den riesigen asturischen Sommerweiden, wo sie von April bis November (die Pferde ganzjährig) frei herumlaufen, ohne einen Stall und anderes Futter zu sehen als Gras? Da das Halten von Kühen in den Bergen eine ungeheure Plackerei darstellt, die die wenigen jungen Männer scheuen, wird die Zahl der glücklichen Bergkühe sowieso dramatisch abnehmen. Schon jetzt ist zu beobachten, dass es in den Supermärkten in Asturien immer mehr holländische Milchprodukte und Käse gibt. Ist halt billiger, wie die Holländer es machen.

Sehr "saubere" Wiese

Sehr „saubere“ Wiese