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Frank Goosen – Kein Wunder

Normalerweise mache ich um aktuelle Bestseller einen sozusagen instinktiven Bogen. Aber in der Not, wenn sich das für die Reise mitgenommene Buch als Fehlgriff entpuppt und auf dem Tisch ein Roman liegt, den der Klappentext als „wunderbare Komödie“ anpreist, und wenn dann noch der Nieselregen den Urlauber nicht ins Freie lockt, da liest der Mensch halt „Kein Wunder“ von Frank Goosen.

Eine anspruchsvolle Aufgabe hat Frank Goosen sich gestellt: Die Ereignisse des Jahres 19889 bis hin zum Fall der Mauer in einen Roman zu packen, in dem nicht nur das Lebensgefühl der damals 20 – 25jähigen in Ost und West, sondern auch das Erleben der älteren Generation beleuchtet werden.

Drei männliche Hauptfiguren und die verschiedenen Freundinnen und Ex-Freundinnen um sie herum bilden das Gerüst, das durch gefühlte 10 Nebenhandlungen ergänzt wird. Die drei Helden sind hauptsächlich mit Cafébesuchen und dem Konsum von größeren Mengen Alkohols beschäftigt, wenn sie nicht gerade kellnern o.ä., um ihren Lebenswandel finanzieren zu können. Außerdem geht es natürlich ständig darum, wer wann mit wem ins Bett geht.

Zu den jugendlichen Hahnenkämpfen der drei Hauptfiguren gehören auch immer wieder geschliffene Dialoge, verbaler Schlagabtausch. Die politischen Ereignisse stehen nicht im Vordergrund, sind aber doch präsent, vor allem, als zwei der drei Hauptfiguren sich in Ostberlinerinnen verlieben.

Liest sich gut, wird nie langweilig, insofern eine feine Urlaubslektüre. Die freilich die Frage aufwirft, ob all das coole Gehabe der „Helden“, ihre Spielchen und Paarungsrituale nur darüber hinweg täuschen sollen, dass das Leben dieser Wohlstandskinder ein eher krampfhafter Versuch ist, das Gefühl zu überspielen, dass ihr tolles Leben um ein sinnloses Nichts herum kreist.

Eckhard Henscheid: Dolce Madonna Bionda

(aus der Reihe: alle Bücher, die ich gelesen habe)

Eckhard Henscheid war für mich bisher nur ein Gerücht. Tatsächlich habe ich ihn bislang mit Robert Gernhardt verwechselt, gut, die waren ja auch befreundet und haben auch mal zusammen ein Buch geschrieben.

Auf Dolce Madonna Bionda bin ich gekommen, weil ich, wie schon mal beschrieben, auf der Suche nach moderner deutschsprachiger Literatur bin, die sich nicht mit dem Scheitern, den Katastrophen und der Apokalypse beschäftigt. Da hat mir jemand diesen Roman empfohlen und ich habe ihn sogar käuflich erworben, für 1,85 € incl. Porto.

Es zeigte sich bald, dass niedrige Antiquariatspreise nicht unbedingt mit der literarischen Qualität korrelieren. Die Geschichte von der süßen blonden Madonna ist sprachlich auf höchstem Niveau, jede Seite strotzt von ungewöhnlichen Formulierungen, Neologismen, Sprachspielen und nie gelesenen Metaphern. Irgendwie verwandt mit dem mittleren Arno Schmidt, also nicht so radikal wie Zettels Traum, aber die Richtung stimmt.

Also über 500 Seiten reines Lesevergnügen? Nun,  an Arno Schmidt erinnert außer die Sprachartistik noch etwas anderes: Vor lauter Vergnügen an der Konstruktion ungewöhnlicher Sprachwelten tritt bei beiden die Story in den Hintergrund. War ja schon beim Übervater der Moderne Joyce und seinem Ulysses so: Es passiert einfach nicht viel. In Dolce Madonna Bionda geht es um einen Mann mittleren Alters, der aufgrund eines im Grunde lächerlichen Indizes davon ausgeht, seine seit 10 Jahren von ihm getrennte Geliebte wolle wieder zurück zum ihm, und der deswegen ein dreiviertel Jahr lang in Bergamo in einem Hotel auf sie wartet. Dass sie nicht kommen wird, ist jedem nach 10 Seiten klar, dass das Warten als solches nicht so gerade der Stoff ist, aus dem man eine spannende Story machen könnte, auch.

Trotzdem: Ich werde noch einen Henscheid lesen, allerdings einen Roman unter 500 Seiten.

Michel Houellebecq – Karte und Gebiet

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Dass ich neben all dem Umzugs- und Umbau- und Umräumstress mir die Zeit genommen habe, diesen Roman zu lesen, zeigt, dass mir dieses Buch tatsächlich zugesagt hat.

Der Künstler, der zu einem weltbekannten Großmeister und entsprechend einer wichtigen Gestalt im zeitgenössischen Kunstbetrieb aufsteigt, andererseits die Geschichte des Verhältnisses dieses Künstlers zu seinem todkranken Vater, endlich eine Kriminalgeschichte, die mit dem Mord an dem Schriftsteller Houellebecq beginnt. Tatsächlich hat der Autor mit dem für Deutsche unaussprechlichen Namen sich selbst als Figur in seinen Roman eingefügt und diese Figur, also quasi sich selbst, unglaublich grausam ermorden lassen. Aber nach vielleicht 10 ausgesprochen ekligen Seiten ist das vorbei und die Arbeit eines Polizisten steht im Vordergrund.

Das ist eher konventionell und/aber sehr gut geschrieben, voller intelligenter Beobachtungen und Seitenhiebe nicht nur auf den zeitgenössischen Kunstmarkt. Am Schluss deutet der Autor an, wie Mitteleuropa um 2050 aussehen wird. Wie, will ich nicht verraten, jedenfalls eine Vorwegnahme seines Romans „Unterwerfung“ (den ich nicht gelesen habe) ist es nicht.