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Ausgelesen: Christian Kracht – Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Ein sperriger Roman mit einem sperrigen Titel. Eigentlich gar kein Roman, sondern eine Skizze – schnell gelesen aber nicht schnell vergessen.

Manchmal habe ich hier kritisiert, dass die zeitgenössische Literatur im Düstern schwelgt. Nun, Christian Krachts Roman ist so düster, wie ein Roman nur sein kann, verzichtet auch nicht auf psychische und physische Grausamkeiten verschiedenster Art. Und trotzdem halte ich diesen Roman für ein unbedingt lesenswertes Werk, denn die Düsternis scheint mir hier einen Sinn zu haben, der weit über gruselige Effekte für ein gelangweiltes Lesepublikum hinaus geht.

Ein Dystopie entwirft Kracht, also eine Zukunft, die alles andere als utopisch-positiv ist. Dazu dreht er das Rad der Zeit erst einmal zurück ins Jahr 1917: Lenin hat seine kommunistische Revolution nicht in Russland durchgeführt, sondern in der Schweiz. Und seitdem befindet sich dieses nunmehr kommunistische Land, das seine Macht bis nach Afrika ausdehnen konnte, im Krieg, vor allem mit dem deutschen Naziregime, das in Krachts Dystopie nicht untergegangen ist.

Im Zentrum des Romans steht ein höherer kommunistische Politoffizier, ein, wie der Leser erst recht spät erfährt, gebürtiger Afrikaner, der voll hinter den Ideen und Idealen der „Eidgenossen“ steht, aber erleben muss, dass hinter der Fassade der kommunistischen Ideale nur noch ein im Kern morsches und zynisches Regime steht.

Am Ende kehrt er nach Afrika zurück, in sein Heimatland, wo er erlebt, wie seine von den „eidgenössischen“ Kolonialherren in modernen, vorbildlich konzipierten Städten angesiedelten Mitbürger wegen des Zusammenbruchs der kolonialen Infrastruktur in Scharen diese Städte verlassen und zurück in ihre Dörfer, zurück in die Natur gehen.

Das darf man allerdings nicht missverstehen als ein Zurück-zur-Natur. Auf den Zusammenbruch der Zivilisation und ihrer technischen Errungenschaften folgt kein rousseausches Paradies, sondern nur eine andere Dystopie.

Sprachlich makellos, mit einer unglaublichen Fantasie erzählt. Der Zusammenbruch der Kultur (die Menschen können nicht mehr lesen), der Humanität und der Ideale, die, so schön sie auch daher kommen mögen, ins Gegenteil umschlagen, wenn sie mit Verbissenheit und Ausschließlichkeitsanspruch durchgesetzt werden.

Frank Goosen – Kein Wunder

Normalerweise mache ich um aktuelle Bestseller einen sozusagen instinktiven Bogen. Aber in der Not, wenn sich das für die Reise mitgenommene Buch als Fehlgriff entpuppt und auf dem Tisch ein Roman liegt, den der Klappentext als „wunderbare Komödie“ anpreist, und wenn dann noch der Nieselregen den Urlauber nicht ins Freie lockt, da liest der Mensch halt „Kein Wunder“ von Frank Goosen.

Eine anspruchsvolle Aufgabe hat Frank Goosen sich gestellt: Die Ereignisse des Jahres 19889 bis hin zum Fall der Mauer in einen Roman zu packen, in dem nicht nur das Lebensgefühl der damals 20 – 25jähigen in Ost und West, sondern auch das Erleben der älteren Generation beleuchtet werden.

Drei männliche Hauptfiguren und die verschiedenen Freundinnen und Ex-Freundinnen um sie herum bilden das Gerüst, das durch gefühlte 10 Nebenhandlungen ergänzt wird. Die drei Helden sind hauptsächlich mit Cafébesuchen und dem Konsum von größeren Mengen Alkohols beschäftigt, wenn sie nicht gerade kellnern o.ä., um ihren Lebenswandel finanzieren zu können. Außerdem geht es natürlich ständig darum, wer wann mit wem ins Bett geht.

Zu den jugendlichen Hahnenkämpfen der drei Hauptfiguren gehören auch immer wieder geschliffene Dialoge, verbaler Schlagabtausch. Die politischen Ereignisse stehen nicht im Vordergrund, sind aber doch präsent, vor allem, als zwei der drei Hauptfiguren sich in Ostberlinerinnen verlieben.

Liest sich gut, wird nie langweilig, insofern eine feine Urlaubslektüre. Die freilich die Frage aufwirft, ob all das coole Gehabe der „Helden“, ihre Spielchen und Paarungsrituale nur darüber hinweg täuschen sollen, dass das Leben dieser Wohlstandskinder ein eher krampfhafter Versuch ist, das Gefühl zu überspielen, dass ihr tolles Leben um ein sinnloses Nichts herum kreist.

Eckhard Henscheid: Dolce Madonna Bionda

(aus der Reihe: alle Bücher, die ich gelesen habe)

Eckhard Henscheid war für mich bisher nur ein Gerücht. Tatsächlich habe ich ihn bislang mit Robert Gernhardt verwechselt, gut, die waren ja auch befreundet und haben auch mal zusammen ein Buch geschrieben.

Auf Dolce Madonna Bionda bin ich gekommen, weil ich, wie schon mal beschrieben, auf der Suche nach moderner deutschsprachiger Literatur bin, die sich nicht mit dem Scheitern, den Katastrophen und der Apokalypse beschäftigt. Da hat mir jemand diesen Roman empfohlen und ich habe ihn sogar käuflich erworben, für 1,85 € incl. Porto.

Es zeigte sich bald, dass niedrige Antiquariatspreise nicht unbedingt mit der literarischen Qualität korrelieren. Die Geschichte von der süßen blonden Madonna ist sprachlich auf höchstem Niveau, jede Seite strotzt von ungewöhnlichen Formulierungen, Neologismen, Sprachspielen und nie gelesenen Metaphern. Irgendwie verwandt mit dem mittleren Arno Schmidt, also nicht so radikal wie Zettels Traum, aber die Richtung stimmt.

Also über 500 Seiten reines Lesevergnügen? Nun,  an Arno Schmidt erinnert außer die Sprachartistik noch etwas anderes: Vor lauter Vergnügen an der Konstruktion ungewöhnlicher Sprachwelten tritt bei beiden die Story in den Hintergrund. War ja schon beim Übervater der Moderne Joyce und seinem Ulysses so: Es passiert einfach nicht viel. In Dolce Madonna Bionda geht es um einen Mann mittleren Alters, der aufgrund eines im Grunde lächerlichen Indizes davon ausgeht, seine seit 10 Jahren von ihm getrennte Geliebte wolle wieder zurück zum ihm, und der deswegen ein dreiviertel Jahr lang in Bergamo in einem Hotel auf sie wartet. Dass sie nicht kommen wird, ist jedem nach 10 Seiten klar, dass das Warten als solches nicht so gerade der Stoff ist, aus dem man eine spannende Story machen könnte, auch.

Trotzdem: Ich werde noch einen Henscheid lesen, allerdings einen Roman unter 500 Seiten.