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Franz Werfel: Der Stern der Ungeborenen

(… weil ich hier über alle Bücher berichte, die ich gelesen habe ….:)

Warum dieser Roman „Der Stern der Ungeborenen“ heißt, habe ich nicht begriffen, obwohl ich die vielen, vielen Seiten bis zur letzten durchgelesen habe. Denn die Geschichte spielt nicht auf irgendeinem Stern, sondern auf der Erde, und die Menschen, die darin vorkommen, sind weder ungeboren noch unsterblich. Vor allem der Erzähler nicht, den es auf geheimnisvolle Weise nach seinem Tod in eine ferne Welt verschlägt. Nach seinem Tod: Das heißt nicht, dass der Erzähler als Unsterblicher jetzt in der fernen Zukunft lebt. Er hat vielmehr sozusagen drei Tage Urlaub aus dem Totenreich bekommen, um – ohne das er begreift, wie es ihm geschieht – die Erde im Jahre 60.000 (oder so) zu erkunden. Entsprechend heißt der Roman auch im Untertitel „Ein Reisebericht“.

An Fantasie mangelt es dem Autor nun wirklich nicht, entsprechend fallen seine Schilderungen der zukünftigen Erde aus. Es ist eine Art spirituelles Paradies, in das es den Erzähler verschlagen hat. Das Materielle ist gegenüber dem Geistigen weit in den Hintergrund gerückt. Die kräftigen Farben, die auf dem Umschlag zu sehen sind, passen keineswegs, denn die ganze Erde ist von grauem Rasen bedeckt, alles zart, duftig wie ein dünner Schleier. Selbst der strengste Veganer wäre in dieser Welt jemand, der allzu dem Grob-Materiellen verhaftet ist. Dort ernährt man sich von winzigen Mengen eines Substrats. Zwei bis drei Fingerhüte am Tag reichen vollkommen. Alle sind völlig durchgeistigt, auch die Kleidung gleicht mehr einem Spinngewebe. Man geht mit ungeheuerlicher Höflichkeit miteinander um, vermeidet jedes Wort, das den anderen auch nur im Geringsten aus seiner gleichförmig-meditativen Gelassenheit aufschrecken könnte.

Dass diese Idealgesellschaft so ideal nun auch wieder nicht ist, macht den Hauptteil des Romans aus. Vor allem die scheinbar so ideale freiwillige Euthanasie entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine vor den Menschen sorgfältig verborgene grausame Angelegenheit. Diesem Ausflug in die Welt des industriellen Tötens entkommt der Erzähler nur mit knapper Not.

Werfel hat das Erscheinen dieses Werkes im Jahr 1946 nicht mehr erlebt. Wenn man bedenkt, dass man „Der Stern der Ungeborenen“ auch als eine Auseinandersetzung mit dem Tod lesen kann, liegt der Gedanke nahe, dass der Autor, der 1943/44 im sonnigen Kalifornien an diesem Buch gearbeitet hat, schon ahnte, dass er seine immer schlimmer werdende Angina Pectoris nicht mehr lange überleben würde.

Bücherschau, zweiter Teil

Ohne oder mit nur ganz schlechtem Internet hatte ich unterwegs viel Zeit zum Lesen von ganz normalen Büchern. Hier der zweite Teil meiner Leseliste:

rätsel kafka

Das beste ist der Umschlag, aber der ist auch auch nicht selbst entworfen, sondern eine Fotografie von Dalís „Hummer- oder Aphrodisisches Telefon” (1936). Aber so ganz stimmt das nicht, denn das Beste sind die beiden Geschichten von Franz Kafka, die hier abgedruckt sind. Eine („Blumfeld, ein älterer Junggeselle“) kannte ich noch nicht (irgendwie denke ich immer, ich würde alles von Kafka kennen – und dann taucht da noch was auf …), die andere („Ondradek“) ist bekannter. Wie gut diese Geschichten sind, sieht man unmittelbar, wenn man die anderen in diesem Band versammelten surrealistischen Geschichten liest: Es geht eben nichts über Meister Kafka.

Surreal sind auch die meisten Geschichten in dem dicken Science-Fiction-Sammelband von Heyne. Aber schon die Aufmachung dieser Bände zeigt, dass man dergleichen in Deutschland nicht zur Kultur, auf keinen Fall jedenfalls zur Hochkultur rechnet.

Heyne_Science_Fiction_Jahresband_1980

Das macht mir nichts und so lese ich von Zeit zu Zeit gerne gute Science-Fiction-Literatur. Bei Science-Fiction denken die, die sie nicht lesen, meist nur an irgendwelche Raumfahrtabenteuer oder Sternenkriege. Das ist glücklicherweise nicht so, die Science-Fiction-Literatur, die ich meine, ist überaus kreativ und zugleich nachdenklich machend. So in diesem Band die Geschichte von Robert Silverberg, die das Ende der Welt thematisiert oder die leider sehr kurze Story vom Altmeister Asimov, der humorvoll den Einsatz von Großcomputern in einem Krieg beleuchtet.

Von Robert A. Heinlein, den ich immer gerne lese (unvergleich sein „Fremder in einer fremden Welt“), ist „Der Mann, der den Mond verkaufte“ abgedruckt, weniger eine Geschichte, als ein ganzer Roman:

the man who sold

Eine intelligente Satire nicht auf den Wettlauf zum Mond, sondern auf kapitalistische Vermarktungs-Strategien, mithin immer noch lesenswert, auch wenn der Autor sich 1950 die erste Reise zum Mond doch etwas anders vorgestellt hat, als sie sich dann tatsächlich abgespielt hat. Aber auch das ist nicht ohne Reiz: Zu sehen, wie Heinlein bei seinen technischen Prognosen teilweise daneben gelegen hat, teilweise aber auch ins Schwarze getroffen hat.

Marcel Reich-Ranicki hat wahrscheinlich keine Science-Fiction-Literatur gelesen, er hat sich ja auch weitgehend auf deutschsprachige Literatur beschränkt. Ein buch eines deutschsprachigen SF-Autors habe ich auch angelesen, aber weggelegt: Nämlich „Zarathustra kehrt zurück“ von Herbert W. Franke, der einer der besten deutschen Autoren sein soll. Vielleicht ein Vorurteil von mir, vielleicht Zufall: Aber ist es nicht typisch für die Deutschen und die deutsche Literatur, dass sich Herbert W. Franke die Zukunft offenbar nur als eine Kette von Katastrophen vorstellen kann?

Nun hat es ja im Deutschland des 20. Jahrhundert wahrlich genug Katastrophen gegeben und Marcel Reich-Ranicki war mittendrin:

Marcel Reich Ranicki Mein Leben

Seine Autobiografie habe ich mit Skepsis angefangen, aber nach den ersten paar Seiten kaum noch aus der Hand gelegt. Nicht nur weil sie verdammt gut geschrieben ist, sondern weil sein Leben in Berlin, im Warschauer Ghetto, die Flucht, sein Überleben im Versteck einfach, wie soll ich sagen, berührt.

Und sein Wirken als Literaturkritiker in der Bundesrepublik ist für literarisch Interessierte auch Pflichtlektüre. Dass ich das erst jetzt gemerkt habe, ist eigentlich eine Schande.