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Es grünt so schön

Vom Schmelzkäse ins Land der edlen Berg-Schimmelkäse:

Ach, wie grün waren die Wiesen im nördlichen Spanien! Den ganzen Sommer über, berichtete der Nachbar, war es eher kühl und regenreich. Die Kühe fressen nur das Leckerste, so reichlich sprießen Gräser und Kräuter dieses Jahr – die beste Heuernte seit langem!  Sollte das eine Folge dessen sein, was man in Deutschland Klimakatastrophe und anderswo Klimawandel nennt,  dann finden die Nordspanier das einfach prima. Nur die Hoteliers und Strandbudenbetreiber nicht. Man sieht, auch der Klimawandel kann es halt nicht allen recht machen.

 

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Unterwegs

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Alle Illustrationen von Bruno Bergner (1923 – 1995)

Irgendwas gaukelt dem Menschen immer wieder vor, wie toll es wäre, sein Nest zu verlassen und durch die große weite Welt zu ziehen. Je nachdem, wo man ankommt, mag das Ankommen und der Aufenthalt irgendwo etwas für sich haben, aber das Reisen?

Es fängt an damit, dass man über eine überfüllte Autobahn zum Flughafen fährt, kein Stau, Glück gehabt. Dann schleppt man die Koffer zur Abfertigung, steht sich dort eine Weile die Beine in den Bauch. Anschließend die Prozedur beim Sicherheits-Check, der, schlimm genug, nötig ist. Zur Entspannung darf man anschließend um die 2 Stunden auf einer mäßig bequemen Wartebank Platz nehmen. Dann wieder Schlange stehen, im Gänsemarsch rein ins Flugzeug, wo man auf der Stelle merkt, wie bequem die Wartebank doch war. Und wie viel Platz man da hatte. Gut, aus der Enge kann man sich freikaufen, in den besseren Klassen ist mehr Platz. Viel leiser ist es dort allerdings auch nicht, komisch, dass niemand sich über den Lärm beklagt, gegen den auch Spezial-Kopfhörer nur wenig ausrichten. Um sich Bewegung zu verschaffen, kann man zur Toilette gehen, falls das Flugzeug nicht gerade eine Rüttelphase durchmacht. Dort ist es nicht besonders sauber, dafür aber besonders eng. Als Ausgleich bekommt man dann solche Leckereien wie ein Sandwich mit Kochschinken und Käse. Man kann sich ja nicht viel bewegen während des Fluges, verbraucht also auch nicht viele Kalorien, denken die Herren der Bordverpflegung offenbar. Bei längeren Flügen darf man sich nun einen Film ansehen, den man noch nie sehen wollte.

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Nach der Landung steht man sich wieder die Beine in den Bauch, bis endlich das Gepäck kommt. Dann kann man entweder ein Taxi nehmen und hoffen, dass der Fahrer einen nicht allzu übers Ohr haut, oder man versucht, sich in die Eigenheiten des örtlichen Nahverkehrs einzuarbeiten. In Madrid ging das so: Mit dem Shuttle-Bus (gerade noch so einen Stehplatz bekommen) zur Metro-Endstation, die allerdings wegen Bauarbeiten geschlossen war. Kurzer Fußweg mit Gepäck zur Bahnstation. Mit der Vorort-Bahn zu einer Station, von der aus man (nach einem kurzen Fußweg …)  in eine Metro umsteigen kann. Überall Security, in Madrid hat es ja einen schweren Anschlag gegeben. 13 Stationen mit der Linie X, umsteigen, es stinkt, Krach, alles voller Leute, die auch keine Lust haben, hier unten rumzukurven, noch 5 Stationen mit der Linie Y, noch ein kurzer Fußweg mit Gepäck und schon sind wir beim Hotel.

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Keine Ahnung, ob es Leute gibt, die Spaß dran haben, in so einem Stadt-Hotel zu übernachten. In meinem Bett liegend dachte ich nur: Wenn das 3 Sterne-Komfort ist, was haben wir dann daheim? 6 Sterne? Warum die Hotelleitung jedem ein kleines Fläschchen Mineralwasser spendiert, wird einem spätestens klar, wenn man feststellt, das man sich mit dem stinkenden Leitungswasser nicht mal die Zähne putzen kann. Zur Unterhaltung gibt es ein TV-Gerät, der Nachbar hat auch eines, kann man nicht überhören.

Muss man einfach nur mehr Geld auf den Tisch legen, um das Reisen genießen zu können? Vielleicht. Aber ich kenne drei Leute, die viel unterwegs sind, beruflich. Die selbstverständlich mit dem Taxi fahren, selbstverständlich Business-Class fliegen, mit ihrer XY-Vielflieger-Karte in speziellen VIP-Räumen warten, nie unter 4 Sternen übernachten und so fort. Dem einen hat seine Frau zum Hochzeitstag eine wunderschöne (und nicht eben billige) Reise nach Madeira geschenkt. Das war gut gemeint, hat aber zu einem größeren Ehekrach geführt: „Flugzeug, Hotel, Essen gehen, so ein Mist – ich brauche Urlaub, verstehst Du?“

 

Stierkampf

Vor gut einem Jahr, ich erinnere mich noch genau, hat unser Nachbar, der Herr Ruiz Rojo, auf einem der asturischen Viehmärkte nach langem Abwägen und Vergleichen einen anderthalbjährigen Stier gekauft, natürlich einen rassereinen asturischen Stier, der ungefähr so aussieht:

Asturischer Stier - Foto von Jorge Caldevilla

Asturischer Stier – Foto von Jorge Caldevilla

Er hatte mir damals das Tier vorgeführt und mich auf das Hinterteil hingewiesen. Ein herrliches Hinterteil, breit und fleischig, viele fleischige Nachkommen versprechend. Aber der Schönling hat sich nicht bewährt. Nicht dass es ihm an Potenz gemangelt hätte. Er hat seine Aufgabe stets prompt erledigt und eine Menge Nachwuchs gezeugt, lauter gesunde, rassereine und lebensfrohe asturische Kälber. Aber eins ist ihm nicht gelungen, beklagte sein Besitzer: Das Merkmal zu vererben, wegen dem er angeschafft worden war. Die Kälber erwiesen sich als zur Fleischproduktion wenig geeignet und erzielten keinen guten Preise.

Es galt, nicht länger zu warten. Ein dreijähriger Bulle ist noch eine Menge Geld wert, vor allem,  wenn er so ein prächtiges Hinterteil hat. Den Rest brauchte man dem Käufer ja nicht zu erzählen. Da der Herr Ruiz Rojo sich seinen guten Ruf bei den Bauern nicht verderben wollte, verkaufte er nicht an einen anderen Viehzüchter, sondern an einen Viehändler. Der kam mit seinem Range Rover angerauscht und nach kurzem Palaver einigte man sich auf einen guten Preis, am nächsten Tag schon sollte der Stier abgeholt werden.

Schon am frühen Vormittag holte der Nachbar den Stier von seiner Weide und trieb ihn bergauf zu einem seiner Kuhställe. Allerdings nicht alleine, sondern mit Hilfe seiner Frau, denn Stiere sind bekanntlich Tiere, die sich nicht so einfach führen lassen wie Kühe. Aber diesmal trottete der Stier friedlich den ihm wohlbekannten Weg zum Stall und wurde in eine Art Pferch gesperrt, einen etwa 10 x 15 Meter großen Platz mit einer Tränke, der ringsum von hohen Steinmauern umgeben ist.

Nachmittags kam ein silbergrauer Pickup mit einem ebenfalls silbergrauen geschlossenen Viehanhänger, der aussah wie ein Pferdetransporter, aber deutliche Spuren von Hufen und Hörnern hatte, den Berg hinauf gefahren, aus dem zwei junge Männer stiegen, die Gehilfen des Viehhändlers. Wir tranken gerade unseren Nachmittagskaffee und konnten von unseren Liegestühlen aus das Ganze gut überblicken. Der Hund konnte wegen der Steinmauern nichts sehen und setzte seinen Mittagsschlaf fort.

Der Anhänger wurde rückwärts genau in das Tor zu dem Pferch platziert, eine fahrerisch sehr anspruchsvolle Aufgabe, die ich gebührend bewunderte. Der Nachbar führte seinen Stier mit gutem Zureden langsam zum Anhänger, die beiden Männer guckten gelangweilt zu, hatten aber doch beide je einen kräftigen Stock in der Hand. Der Stier war schon zur Hälfte im Anhänger, bewegte sich aber nur ganz langsam, so dass einer der Burschen laut „Venga!“ rief – was man zu Kühen halt so sagt in Asturien, wenn sie weiter laufen sollen.  Da sprang unser Hund auf und bellte kurz, aber sehr kräftig. Das wiederum kam dem Stier wohl komisch vor und er blieb stehen, worauf er einige kräftige Stockhiebe auf das schöne Hinterteil bekam. Da wurde es ihm wohl zu bunt. Er ging los, aber rückwärts, bis er wieder draußen war, nahm kurz Anlauf und sprang in einem nicht uneleganten Satz über die brusthohe Steinmauer auf die Wiese hinter unserem Haus.

Foto: Wikipedia

Foto: Wikipedia

Dass Stiere so gut springen können! Das gab mir doch zu denken, denn ich hatte keine Lust, vom interessierten Beobachter zum Mitspieler zu werden. Zwar trennten den Stier noch zwei Zäune von unseren Liegestühlen, aber nur niedrige Stacheldrahtzäune mit morschen Pfählen, kein Problem für einen übel gelaunten und sprungkräftigen Stier. Ich beschloss also, mit dem Hund ins Haus zu gehen, um den Abwasch zu erledigen. Die Gattin sagte etwas wie „Du Angsthase“ und folgte mir nach. Der Abwasch war schnell erledigt, denn das Kaffee-Geschirr hatten wir in der Eile draußen stehen lassen. Der letzte Löffel war noch nicht abgetrocknet, da hörte ich, wie die Tür des Vieh-Anhängers zugeworfen und der Motor angelassen wurde. Die Luft ist rein, dacht ich und ging neugierig hinaus. Aber noch war der Anhänger leer. Der Fahrer versuchte nur, ihn rückwärts möglichst nahe vor die Eingangstür zum Stall zu bugsieren, was ihm dank seiner schon erwähnten Fahrkünste beim dritten Versuch auch gelang.

Der Stier, schloss ich, hatte sich in den Stall begeben, in dem dunklen und ihm wohlbekannten Raum fühlte er sich offenbar sicher. Der Nachbar ging herein und führte den Stier langsam zum Anhänger. Ob das Tier keine Lust mehr hatte und sich deshalb in sein Schicksal ergab oder ob ihm der Übergang vom dunklen Stall in den dunklen Hänger weniger unheimlich vorkam – er trottete brav in den Hänger, die Tür wurde zugeschlagen und verriegelt. Frauen wären sich jetzt vor Freude um den Hals gefallen, aber die Cowboys blieben cool, zogen ein Bündel mit Geldscheinen aus der Tasche, welches sie dem Nachbarn aushändigten, dem das verschwitzte Arbeitshemd auf dem Bauch klebte.

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