Die Schafe von den Böcken trennen

„Silvester II. and the Devil Cod. Pal. germ. 137 f216v“. Wikimedia Commons

Papst Silvester II. und der Teufel (15. Jhrdt.) –  Wikimedia Commons

Meditative Chorgesänge in der evangelischen Kirche. Sängerinnen und Sänger machen Pause, die Pfarrerin trägt einen Text aus dem Neuen Testament vor, aus der „Bibel in gerechter Sprache“.

„Gerechte Sprache“ – ob es den Theolog*innen, die diese Übersetzung gemacht haben, nicht selbst auffällt, dass es einigermaßen arrogant ist, zu suggerieren, fast 2000 Jahre lang sei der Text ungerecht gewesen und es bedürfe deutscher Theolog_innen, um endlich für Gerechtigkeit zu sorgen, sinniere ich. Wäre es nicht eine Nummer kleiner gegangen? „Zeitgemäße Sprache“ beispielsweise?

Während ich noch darüber nachsinne und die Lesung halb an mir vorüberzieht, fällt mir eine Stelle auf:  Er wird die „Schafe von den Ziegen“ trennen, heißt es. Schafe von Ziegen? Hat es nicht seit Luther stets geheißen: Die „Schafe von den Böcken“ trennen, nämlich die braven Schafe von den Ziegenböcken, den bösen, die ja in langer Tradition mit dem Teufel (Teufel*innen?) assoziiert werden. Warum nur mag der Text geändert worden sein? Ist es gerechter, statt der Böcke die armen Ziegen in die Hölle zu schicken? Der Chor setzt ein, ich vertage die Frage auf später.

Daheim schlage ich nach. Im lateinischen Text ist von Zicklein die Rede, also von jungen Ziegen. Im griechischen Urtext das gleiche. Aber warum sind die jungen Ziegen die Bösen und die Schafe die Guten? Luther mag nicht genau übersetzt haben, aber das mit den Schafen und den Böcken leuchtet wenigstens ein.

Bald finde ich einen Hinweis: Das mit den Schafen und den Böcken sei sexistisch, heißt es in einem Kommentar. Hoppla! Schafe sind weiblich, Böcke sind männlich, sollten die gerecht übersetzenden Theolog/innen erkannt haben, dass Luther die Ziegenmänner pauschal als böse abqualifiziert hat, eine sexistische Diskriminierung, mit der es im Interesse der Gleichberechtigung der Männer aufzuräumen galt?

Ich suche weiter. Schafe, so lese ich in einem Kommentar zu dieser Stelle, seien zu der Zeit, als Jesus über sie gesprochen hat, in seiner Heimat immer weiß gewesen, Ziegen immer schwarz. Nun frage ich mich zwar, aus welchen Quellen der Kommentator seine Kenntnisse über die palästinensische Viehzucht vor 2000 Jahren hat, aber seine Erklärung leuchtet mir ein: Die weißen (=guten) Schafe werden von den schwarzen (=bösen) Ziegen getrennt. Ob das jetzt gerecht ist? Na ja, irgendjemand muss ja die Rolle der Bösen spielen, nun trifft es mal nicht die schwarzen Schafe, sondern die schwarzen Ziegen …

Im Alten Testament übrigens ging es noch gerechter zu: Da nimmt sich Gott jedes Schaf und jede Ziege einzeln vor, egal ob es schwarz oder weiß, männlich oder weiblich ist (Ez. 34.17-22).

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13 Gedanken zu „Die Schafe von den Böcken trennen

  1. juergenkuester

    Lieber Martin!
    Dafür mag ich Dich: genau hingehört und hingeschaut – sehr schön.
    Verbale Nebelkerzen gibt es ja genügend und mein könnte glauben allerorten.
    Liebe Grüße Juergen

    Antwort
  2. Pit

    Hallo Martin,
    ja, ja, die Bibeluebersetzungen! Nicht fuer die Bibel sondern fuer die ganz alltaegliche Sprache habe ich meinen Schuelern immer beizubringen versucht, dass jede Uebersetzung eine Interpretation ist, und das keine Uebersetzung absolut genau den Sinn treffen kann, den ein Sprecher der Ursprungssprache hatte. Bei der Bibel frage ich mich immer, wie wohl der urspruengliche Text gelautet haben mag. Gibt es da nicht irgendwo an einer deutschen Uni ein ganz ambitioniertes Projekt, so etwas wie einen Urtext zu rekonstruieren? Ich meine, da etwas im Hinterkopf zu haben.
    Danke fuer diesen interessanten Artikel.
    Hab’s fein,
    Pit

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Hallo Pit!
      Urtext – das ist ja mehr ein Problem als etwas, woran man arbeiten kann. Der Urtext ist ja beim Neuen Testament der griechische, der ist textmäßig sehr gut erfasst und bis in alle Windungen von fleißigen Forschern hin- und hergewendet worden. Nun hat aber Jesus bekanntlich nicht Griechisch gesprochen, sondern Aramäisch oder so was. Es gibt die Hypothese, dass seine Aussprüche, Gleichnisse und Reden schon vor der Abfassung des ersten Evangeliums schriftlich niedergelegt waren und dass die Evangelisten (und auch einige von denen, die, dann das Pech hatten, nicht in die kanonischen Schriften aufgenommen zu werden) daraus fleißig abgeschrieben haben. Diese hypothetische Quelle (die Logienquelle) versucht ein internationales Forscherteam seit ca. 1995 zu rekonstruieren. Da man noch nicht mal weiß, ob es diesen Urtext überhaupt gegeben hat, ist das ein weites Feld ….
      LG Martin

      Antwort
  3. puzzleblume

    Bibelneusprech, das alle paar Jahrzehnte wieder überarbeitet wird, und diesen sich wiederholenden Vorgang rückwärts bis hin zur Frühzeit der systematischen Sammlung passender Überlieferungen hochgerechnet, für sinngemäss unverändert zu halten, erscheint mir auch immer wieder als erstaunlich.

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt – scheint mir nicht nur das Motto des Erlkönigs zu sein, sondern auch des einen oder anderen Neuübersetzungsinterpreten.

      Antwort
      1. puzzleblume

        Ich denke, es verhält sich damit wie mit der Rechtschreibreform und den Anpassungen und Bereinigung der älteren Kinderbücher in jüngerer Zeit: es geht unter dem Deckmäntelchen der moralischen Werte, des menschenrechtlich Guten und politisch Korrekten, vor allem um neu erstarkende Verkaufszahlen zum ganz und gar materiellen Wohl derer, denen die Einnahmen daraus zugute kommen.

    1. emhaeu Autor

      Ja, auch eine komische Geschichte, die ich anhand des Textes bei Luther genausowenig verstanden habe wie anhand der Bibel in „gerechter Sprache“. Aufgrund der Einheitsübersetzung habe ich dann begriffen, dass der Ziegenbock, auf den das „Los des Herren“ fällt, die Ehre hat, als Opfertier geschlachtet zu werden, während der, auf den das Los des bösen Geistes fällt, damit gestraft wird, überleben zu dürfen. — Also in einer Bibel für vegane Tierrechtler wäre das nicht passiert ….

      Antwort

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