Im Kastanien-Tal

Die Einheimischen sind der Meinung, bei der Brücke, über die jährlich hunderte von Kühen auf dem Weg zur Alm getrieben werden, handele es sich um eine römische Brücke. Nun ja, auch eine romanische Brücke wäre an dieser Stelle eine Sehenswürdigkeit, auf jeden Fall aber ist die Brücke uralt. Sie überquert ein tiefes Tal, fast eine Schlucht, in die kaum einmal die Sonne herein scheint. Der einzige Weg führt immer am Rio Casano entlang, manchmal bequem zu gehen, manchmal aber auch nicht, vor allem, wenn – wie so oft – der Boden glitschig ist.

Noch sind die steilen Felswände nicht von Kletterern entdeckt worden. Vor zehn Jahren traf man hier eher einheimische Viehzüchter mit ihren Schafen, Ziegen, Eseln oder Kühen als Wanderer. Inzwischen ist etwas mehr los, auch deswegen, weil eine Art Schluchtwasserfall von den Abenteuer-Tourismus-Anbietern vermarktet wird.

Für solchen Abenteuer-Tourismus bin ich wahrscheinlich zu alt und zu ängstlich. Mir hat als Abenteuer schon eine kaputte Brücke – sie ist inzwischen wieder hergerichtet worden – gereicht, bei der man die Wahl hatte, über einen breiten Balken zu balancieren oder auf Händen und Füßen über den Balken zu krabbeln. Mangels Schwindelfreiheit habe ich mich für die nicht so elegante Krabbelmethode entschieden.

Alle möglichen Pflanzen, die die Feuchtigkeit lieben, wachsen hier gerne, auch diverse Baumarten. Früher, so wurde mir erzählt, war das ganze Tal voll von Esskastanienbäumen. Die Leute haben die Kastanien kübelweise geerntet und dann für den Winter in Stein-Iglus gelagert. Wenn es nicht mehr so viel zu essen gab, dann wurden die Kastanien verzehrt, auch zu Mehl verarbeitet.

Die Reste von einigen dieser Stein-Iglus sind noch zu sehen, die mächtigen, oft seltsam verdreht wachsenden Kastanienbäume tragen immer noch jede Menge Esskastanien, die freilich niemand mehr erntet. Ich auch nicht. Natürlich haben wir es mal probiert, uns von den Einheimischen ein Rezept für gekochte Esskastanien geben lassen. Aber egal, ob herzhaft zubereitet oder als Nachspeise, irgendwie sind Esskastanien nicht mein Fall.

7 Gedanken zu „Im Kastanien-Tal

  1. Pit

    Praechtig gruen ist es da, lieber Martin. Das sieht mir nach einer regenreichen Ecke aus. An dem Bach koennte ich wohl stundenlang sitzen. Bei der „Balkenbruecke“ haette ich eine dritte Methode vorzuschlagen: umkehren. 😉 Die haette ich wohl gewaehlt.
    Liebe Gruesse,
    Pit

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  2. puzzleblume

    Dafür waren die Stein-Iglus? Ich wunderte mich vor Jahren, als ich hier und da eines sah und dachte nur an Wetterschutz. Mein Mann ist badischer Herkunft, und in Baden hatten die Esskastanien auch mehr Tradition, deshalb gibt es auch bei uns im Winter anfallsweise mal welche zu essen. Eine mühsame Geschichte, aber einmal im Jahr auch mal ganz lecker.

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      1. emhaeu Autor

        Bestimmt. Aber man kann sich sowieso nur wundern, was die Leute früher so aus Natursteinen gebaut haben. Viele Ställe und auch Wohnhäuser in den asturischen Bergen verfallen, obwohl die Asturier sehr traditionsbewusst sind und stilecht renovieren, wenn mit dem Gebäude etwas anzufangen ist. In Gegenden – wie das Kastanien-Tal – in die man nur zu Fuß kommt, verfällt mehr oder weniger alles. Hat, was die Ställe betrifft, aber auch sein Gutes, denn diese alten, engen Ställe, in die viel zu wenig Frischluft kommt, sind nicht eben tierfreundlich.

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