Weiße Tauben (4)

Die Taube als Symbolvogel, das haben wir in der letzten Folge dieser kleinen Serie festgestellt, die Taube als Symbolvogel ist weiß. Diese Einsicht ist nicht so trivial, wie sie sich anhört. Nehmen wir dieses Bild:

In diesem Mosaik aus dem 13. Jahrhundert hält Noah eine Taube in der Hand. Die Taube wird bald mit einem Ölzweig im Schnabel zurück kehren und Noah wird wissen, dass irgendwo Land in Sicht ist.  Auch diese Taube ist weiß. Zugegeben, ein wenig bräunlicher als Noahs Gewand, aber weit entfernt von den gräulichen Wesen, die normalerweise herumflattern. Gut, wird man sagen, er hat halt eine weiße Taube wiedergegeben. Der Witz ist allerdings, dass es vor 1500 in Europa gar keine weißen Tauben gegeben hat. Es gibt zwar viele, viele Taubenrassen, aber weiße Tauben gibt es nur in Indien (von wo sie nach 1600 nach Europa exportiert worden sind), und in Australien (z.B. die Ducula bicolor), die australischen Tauben  sind so groß wie ein Huhn, vor allem die Kaiserfruchttaube (Ducula Spilorrhoa).

Erst nach 1600 also ist die erste weiße Pfautaube , die zur Unterart der Stadttauben gehört,  in Europa herumgeflattert. Diese Art erfreut sich heute bei uns ziemlicher Beliebtheit. Denn weil die armen Vögel ein wenig wie ein Pfau aussehen und völlig weiß sind, werden sie speziell als Hochzeitstauben gezüchtet. Sieht ja auch so putzig aus, wenn die Tiere freigelassen werden und ein wenig herumflattern, so romantisch.

Wenn alle diesen romantischen Moment fotografiert haben, geht es ab in den Käfig bis zur nächsten Hochzeit. Manche Verleiher von Hochzeitstauben – wie z.B. dieser, der versichert,  seine Tauben würden vor ihrem Hochzeitseinsatz grundsätzlich frisch gebadet –  verwenden auch normale weiße Brieftauben. Was er  nicht verrät und was wahrscheinlich die Hochzeit- und Fotorafierwilligen auch nicht weiter interessiert, ist, dass man zwar normale Brieftauben so lange kreuzen und selektieren kann, bis sie weiß sind, dass diese Tiere dann aber ihr natürliches Orientierungsvermögen einbüßen: Weiße Brieftauben finden nicht mehr nach Hause. Schade.

Womit bewiesen wäre, dass Noahs Taube nicht weiß gewesen sein kann, obwohl auch Aegidius de Roya offensichtlich davon ausgegangen ist. Dieser Zisterzienser-Mönch hat nämlich um 1450 in Belgien – dem Kernland des Brieftaubensportes – eine Weltchronik verfasst, die, wie bei einer ordentlichen Weltchronik damals üblich, bei der Erschaffung der Welt, erster Tag, anfing und sich langsam bis in die Gegenwart vorarbeitete. So kam er auch nicht an Noahs Arche und Noahs Taube vorbei. Und weil in dem Kloster zufällig auch ein recht begabter Maler lebte, dessen Namen wir nicht kennen, ließ Aegidius de Roya folgendes Bild in seine Weltchronik hereinmalen:

Der Horizont ist ein wenig schief, die Luft ist voller Vögel – was nicht sein kann, denn die waren ja alle in der Arche – vorne ist auch der doofe Rabe zu sehen, den Noah vor der Taube ausgeschickt hatte. Der Rabe aber, so wird es im arabischen Raum erzählt,  kam krank zurück, weil er zu viel von den Leichen gefressen hatte. Noah war darüber wütend und beschimpfte den Vogel. Als Strafe solle sein Schrei klingen, als erbreche er sich ständig, was jeder bestätigen kann, der schon einmal einen echten Raben gehört hat. (Wer noch nie einen Raben gehört hat, kann das hier nachholen).

Aber zurück zu Taube: Sie ist wieder weiß, symbolweiß sollten wir die Farbe nennen. Weiß, die Farbe der Unschuld. Wie die Taube unschuldig und symbolweiß wurde, kommt in der nächsten Folge.

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7 Gedanken zu „Weiße Tauben (4)

  1. Klausbernd

    Lieber Martin,

    Weiß ist nicht nur die Farbe der Unschuld, sondern auch jene des Todes, worauf Melville in seinem „Moby Dick“ des öfteren hinweist und dem er auch ein ganzes Kapitel widmet. Weiß ist die Farbe der gebleichten Knochen und speziell in asiatischen Kulturen gilt es als Trauerfarbe. Ich glaube, erst unter christlichen Einfluss wurde Weiß zur durchweg positiven Farbe, aber darüber wirst du wahrscheinlich in deinem nächsten Beitrag schreiben.
    Danke für den informativen Beitrag. Ich bin schon auf die Fortsetzung gespannt.

    Herzliche Grüße von Dina & mir von der heute windigen Küste Norfolks.
    Angenehme Reise nach Spanien
    Klausbernd

    Siri & Selma rufen aus dem Garten: „Liiiiiebe Grüße!“

    Antwort
  2. Frau Blau

    Lieber Martin,

    ein wunderbarer Part und sooo informativ! Danke dir sehr dafür und freue mich auf Teil 5, der aber ja sicherlich erst nach deiner Reise erscheinen wird… oderrr?!

    habs gaaaanz guuuut
    ich grüße dich herzlichst
    Frau Blau

    Antwort
    1. emhaeu Autor

      …. ja, ich muss im Lande Picassos erst nachsehen, ob da die Tauben so aussehen, wie Picasso sie gemalt hat … einen feinen Gruß Martin

      Antwort
      1. Frau Blau

        gutes Schauen, gute Reise und heiles Wiederkehren. Danke für deine Post, bin jetzt zuuu müde, um zu antworten.

        bye for now
        Frau Blau

        hach, wie et sich reimt 😉

  3. haushundhirschblog

    Lieber Martin,
    herzlichen Dank für diesen weiteren feinen Teil zu den Tauben!
    Das Ding mit den Tauben zur Hochzeit habe ich noch nie verstanden. Aber jetzt kann ich wenigstens einen Grund nennen, wenn man mich mal nach meinem Unverständnis darüber fragen sollte. THANKS!
    Dass Aegidius de Roya ein Bild von der Arche Noah malen ließ, in dem sich am Himmel etliche Vögel tummeln, muss ja nicht der biblischen Geschichte widersprechen. Denn wenn ich mich richtig erinnere, wurde von jedem Tier nur ein Paar mitgenommen. Oder?
    Hier schicken wir dir eine weiße Friedenstaube in Gedanken direkt nach Picasso-Land …. 😉
    Hoffentlich kommt sie wohlbehalten bei Euch an,
    mb

    Antwort
  4. Pingback: Picasso und die Friedenstaube (7) | Rumgekritzelt

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